Professor Schneiders Heimat-Forschungen

Kunst am Bau // Folge 4

Noch nie gab es einen solchen Aufstand in Bischofsheim! Deshalb könnte man auch vom „Krach am Bau“ sprechen. Denn die Rede ist vom Palazzo. Damals war das Doppelgebäude an der Schulstraße 32 bis 34 kommunalpolitisch höchst umstritten. Eine ganze Häuserzeile von der Spelzengasse bis zur Rheinstraße stand städtebaulich zur Verfügung, um an die Stelle des früheren Ladenlokals von Radio-Beck ein modernes Gebäude für Bücherei, Gemeindevertretung und Verwaltung zu kreieren. „Palazzo Prozzo“ nannten es die Gegner spöttisch, völlig unnütz und zu teuer sei es. Der Neubau einer Bücherei nicht angemessen. Da hatten sich 1994 CDU und Grün-Alternative aber gehörig geirrt. Denn seitdem spricht die Statistik für das Vorhaben der Lesekultur: Von Jahr zu Jahr werden immer mehr Benutzerausweise nachgefragt und nach mehr als 25 Jahren steigen noch immer die Ausleihzahlen.

In der Tat war der Palazzo ein Politikum, auch der sogenannte Ratssaal, ein Rund für die gelebte parlamentarische Demokratie. Der Streit führte zwar dazu, dass die SPD als stärkste Fraktion die nächste Kommunalwahl verlor, aber was einmal in Stein gemeißelt ist, das bleibt. So auch das Wandgemälde, das bis heute wohl das am meisten betrachtete Kunstwerk in Bischofsheim ist, weil alle bei allen Sitzungen zwangsläufig darauf schauen müssen. Dabei war es zunächst eigentlich als Verdunklungsmöglichkeit vom Architekten Gerhard Heidacker geplant. Auf einer Schiebeschiene lässt es sich teilen und nach rechts sowie links vor die Fenster fahren. Wie praktisch! Und wie verschenkt, dachte der Innenarchitekt Ludwig Gützkow, genannt Schnibbel. Er hatte die Idee. Ein Entwurf auf DIN-A-4 entstand, wurde im Gemeindevorstand präsentiert und trotz Skepsis realisiert, sechs auf drei Meter. 

Die Farben Blau und Weiß dominieren, rote Flecken markieren den Mittelpunkt: die hessische Flagge mit stilisiertem Löwen und Krone, darunter die Brille aus dem Bischofsheimer Wappen. Zentrifugal fliegt das Graphische in alle Richtungen und dort sieht man, was den Ort prägt: der Wasserturm, der Torbogen vom St- Viktorsstift, die Katholische Kirche, Fachwerkhäuser, die Evangelische Kirche, das Rathaus. Und quer durch’s Bild erscheinen dem Betrachter immer wieder die prägenden Elemente der Eisenbahnergemeinde: Gleisanlagen, Brückenbauten und Schornsteine von Dampflokomotiven. Das Ganze hat eine eigene Dynamik und regt an, sich mit viel Fantasie über Herkunft und Zukunft zu verständigen. Was bewegt uns und was können wir bewegen.

Schnibbel, ansonsten nicht gerade als Ausbund vieler Worte bekannt, plaudert begeistert von der Provokation, die ihm gelungen ist. Die kleine Welt sei halt auch eine große Drehscheibe, „aber ich habe mehr angedeutet als ausgeführt“. Der Künstler versteht sein Werk als Montage von Assoziationen: „Es darf sich jeder seinen eigenen Kopf machen!“ In der Main-Spitze wurde es als „Wimmelbild“ bezeichnet, ein böser Kommentar sah gar den Bürgermeister auf Rollschuhen. 

Berthold Döß bekam wegen des Palazzos einiges zu hören. Die Brücke zwischen beiden Häusern wird zum Beispiel noch heute gerne als „Beamtenlaufbahn“ belacht. Zudem wurde ein weiteres Kunstwerk nicht verwirklicht. „Wir hatten auch gefühlt keine Mehrheit mehr für das Projekt“, sagt er heute. Er hält zwar nach wie vor den Palazzo für die beste kommunalpolitische Entscheidung, einen Brunnen auf dem kleinen Platz dazwischen zu installieren, das war seiner Einschätzung nach eher nicht auch noch durchsetzbar. Obwohl überall die Menschen von Wasserspielen begeistert seien. Aber er erinnert sich auch noch an die Beschwerden der Bürger wegen des Lärms am Brunnen vor dem Bürgerhaus. Lapidar bekundet er: „Ja, es plätschert halt!“  

Wie gut, das Marion Heidacker den Entwurf des Brunnens zwischen ihrer Hutsammlung bewahrt hat – und auf Nachfrage das Modell wieder entdeckte. Zum ersten Mal kann die interessierte Öffentlichkeit nun sehen, was ihr bisher entgangen ist. Schnibbels kleines Meisterwerk zitiert nämlich auf eindrucksvolle Art und Weise dreidimensional das Wandbild. Und aus fünf Röhren könnte es sprudeln. Aber was nicht ist, kann ja noch werden …



22.10.2020 || Prof. Dr. Wolfgang Schneider