Licht am Ende des Kinoprojektors

Eine gute Entscheidung der Stadtverwaltung

Wir sind schon etwas verwöhnt: Unsere Heimatfeste und Weihnachtsmärkte warteten jährlich mit neuen Attraktionen auf, die Special-Effects in Kinofilmen überboten sich gegenseitig und bei der Besetzung der Live-Veranstaltungen in den Burg-Lichtspielen zauberten Kulturbüro und das Achterbahn-Team immer was Neueres aus dem Hut. Der sogenannte „LockDown“ im März änderte alles. Selbst das süßeste Kaninchen ging ohne Applaus aus, denn Magier waren von jetzt auf gleich ohne Publikum, wenn sie ihren Hasen aus den Zylinder zogen. Die Gustavsburger Burg-Lichtspiele waren geschlossen, der Bischofsheimer Veranstalter Hoti-Events cancelte seine Veranstaltungen, und auch auf die Jahreshighlights „Burgfest“, „Altrheinfest“ und die „Bischemer Kerb“ verzichteten die Menschen der Mainspitze. 

 

Schneller, höher, weiter – war einmal!

Es war Ende Juli. Ich bereitete gerade etwas in den Burg-Lichtspielen vor als ich von innen ein älteres Ehepaar ihre Nasen an die Scheibe der Eingangstür drücken sah. Ich zog meine Maske auf und öffnete. „Wir haben gehört, es geht wieder los“, sagten die beiden, während sie interessiert an mir vorbei in den Kinosaal schielten. Tatsächlich stand das Kinocomeback in wenigen Tagen bevor und ich reichte ihnen das Programm für August. Der Herr legte es ungesehen in seinen Rollator und erklärte mir, er wolle gar nicht ins Kino gehen, es freue ihn nur, dass es weitergehe. „Es war sonst immer etwas los, wenn wir hier vorbei gingen“, unterbrach ihn seine Frau, „schön, dass jetzt wieder Licht ist“, sagte sie. Dann spazierte das Pärchen weiter Richtung REWE, wobei die Dame schützend die Hand, hinter ihren Mann am Rollator hielt.

Diese Begegnung rief mir die Strahlkraft von Kultur neu ins Gedächtnis. Die Symbiose aus Tradition, Musik, Bewegung, Licht, dem Duft von Essen und Getränken und vielem mehr schafft ein – mehr oder weniger –  unsichtbares Umfeld, in dem wir uns irgendwie zu Hause fühlen. Und die plötzliche Abwesenheit dieses Umfelds wurde schmerzlich vermisst. Ich erinnerte mich auf einmal an meine Oma, der ich vor über 25 Jahren immer vom Altrheinfest eine Portion Kartoffelpuffer in ihre kleine Wohnung in der Schillerstraße vier brachte. Hinunter zum Bansen ging sie schon lange nicht mehr, aber sie genoss das Anböllern, die Geräuschkulisse, das Feuerwerk und freute sich, wenn ich vom Fest erzählte.

Jetzt, wo Kunst und Kultur schrittweise – in analoger und digitaler Form –  in unser Leben zurückkehrt, zeigt sich, dass Corona die Wertschätzung positiv verändert. Es geht weniger darum, ob ein Kinofilm oder Konzertabend besser als der letzte war, sondern die Menschen schätzen, dass es diese Ereignisse wieder gibt. Menschen, wie Holger Schneider, der mit seinen ersten „Hoti-Events“ mit nur 100 Besuchern im Bischofsheimer Bürgerhaus Kultur neu startete oder die Bischemer Kerb per Livestream und Mini-Events stattfinden lies, geben der Region etwas wichtiges zurück. Und zwar: alte, vertraute Normalität!

 

Tickets für die Burg-Lichtspiele können online (www.burg-lichtspiele.com) oder telefonisch (0 61 34 / 58 53 11) gebucht werden.


Die Burg-Lichtspiele verfügen über eine moderne Lüftungs- und Klimaanlage, die für einen ständigen Luftaustausch sorgt.


Nächste „Achterbahnshow“ am Mittwoch, dem 7.10. um 20:30 Uhr auf Rhein-Main TV.


Axel S., der Autor dieses Artikels ist seit seinem 13. Lebensjahr eng mit den Burg-Lichtspielen verwoben. Vor 18 Jahren wurde er Vorstand des Achterbahn e.V. und engagierte sich für den Erhalt der denkmalgeschützten Burg-Lichtspiele.


Reportage über Kinoneustart!


 

Eine mutige Entscheidung!

Sehr anspruchsvoll war der Kino-Neustart in den Burg-Lichtspielen. Hier tüftelte das Kulturbüro der Stadtverwaltung Ginsheim-Gustavsburg ein Konzept aus, dass seinesgleichen sucht und startete den Kinobetrieb unter den wohl ungewöhnlichsten Umständen denn je: Aufgrund der weltweiten LockDowns hielten Filmverleiher angekündigte Kinostarts zurück, aufgrund von Abstandsreglungen konnten nicht alle 120 Kinosessel angeboten werden und aus dem eigentlichen Sommerpausen-Monat August wurde der Kino-Neustart-Termin. 

So freuten sich im August große Kinofans über Filme wie „Lindenberg: Mach dein Ding!“ und Familien über die Kinder-Kino-Klassiker am Sonntag. Da deutlich mehr Menschen ihren Urlaub in der Mainspitze verbrachten, wurden die sonntäglichen Familienfilme sogar bis zu drei Mal täglich gezeigt. 

Auch wenn die Burg-Lichtspiele aufgrund des neuen Hygienekonzeptes nur zwischen ca. 20 und 30 Gästen Platz bietet und manche Filmabende aufgrund der – teilweise überraschend – hohen Temperaturen schwächer besucht waren, lässt sich rückblickend sagen: Der Kino-Neustart von GiGu gelang und die gute Entscheidung der Stadtverwaltung wurde so durchdacht umgesetzt, dass der Kinobetrieb der Burg-Lichtspiele belastbar und sicher in die „Hauptkinosaison“ starten kann.  

 

„Jeder nur ein Kreuz“

Man verzeihe mir das Zitat aus dem Monty Pythons Film „Das Leben des Brian“ als Zwischenüberschrift genutzt zu haben, aber genau diese Filmszene flimmert vor meinem geistigen Auge, wenn ich das Thekenpersonal der Burg-Lichtspiele die Besucher auf die nummerierte Plätze verteilen sehe. Die gute Nachricht: Die Macher rund um den Kinobetrieb verlieren sich dabei nicht in sinnlose Diskussionen was der Unterschied zwischen der „judäischen Volksfront“ und der „Volksfront von Judäa“ ist, sondern schaffen es, je nach Größen der Besuchergruppen möglichst vielen Kinofans den Besuch zu ermöglichen und dabei Hygienekonzept, sowie Sicherheitsabstände perfekt einzuhalten.

Alle Gäste betreten zunächst mit Abstand und Maske das Theater, füllen dann mit einem desinfizierten Stift das Kontaktformular (Sicherheitsmaßnahme für eventuelle Rückverfolgung im Falle einer Coronainfektion) aus und begeben sich dann an die Bar, an der sie – durch eine Plexiglasscheibe vom Personal getrennt – ihre Bestellungen aufgeben. Um Kontakte zu vermeiden, werden Snacks und Getränke an einem separaten Bereich der Bar herausgegeben. Nachdem sie ihren Platz zugewiesen bekommen, wird dieser auf dem Kontaktformular notiert. Sobald man sich dann in den Kinosessel kuschelt, darf auch die Maske abgenommen und der Film genossen werden. Für Sicherheitsabstand und große Beinfreiheit (aktuell sehr beliebt!!!) sorgt die Distanz von mindestens 1,5 Meter zu weiteren Kinobesuchern.

Mein Name ist Bond – James Bond!

Für Vorfreude sorgt beim Kulturbüro nicht nur der beliebte Agententhriller, dessen Starttermin von April auf Herbst verschoben wurde. „Neben Highlights, wie dem neuen Bond, wird es in den nächsten Monaten weitere attraktive Filme für Kinder und Erwachsende geben. Die jetzt wieder anlaufenden Kinostarts wirken sich positiv auf unser Programm aus, sind sich Elke Christ und Guido Conradi von der Stadtverwaltung sicher und sagen: „Wir freuen uns auf die nächsten Monate!“

Neben Kinofilmen gelang dem Kulturbüro im September auch die Rückkehr zur „alten Normalität“ in Sachen „Jazz im Kino“. Zugegeben, die Location ist zwar irgendwie „neu“, aber doch eher „alt“ als „neu“. Die beliebte Jazzreihe feierte ihr Comeback nämlich im Gustavsburger Bürgerhaus. „Eine Veranstaltung mit rund 30 Gästen in den Burg-Lichtspielen kam für unsere Jazz-Reihe nicht in Frage. In den Bürgerhäusern finden – je nach Gruppengrößen – 50 bis 80 Gäste Platz“, so Guido Conradi vom Kulturbüro. Durch ein elegantes Licht- und Raumkonzept wurde die Aufenthaltsqualität von Besuchern als so angenehm empfunden, dass die Stadtverwaltung weitere Veranstaltungen für die zweite Jahreshälfte in den Bürgerhäusern Ginsheim und Gustavsburg anbietet, die gut angenommen werden. Der Chanson-Abend mit Margo beispielsweise ist bereits ausverkauft.

 

Achterbahn jeden Monat im Fernsehen

Luftartistik, Seiltanz und Mastakrobatik benötigen spezielle Verspannungspunkte, die in der Mainspitze nur in den Burg-Lichtspielen vorhanden sind. Aus diesem Grund ist unserem Achterbahn e.V. ein Umzug in eine andere Location nicht ohne Weiteres möglich. Noch bis Ende des Jahres bietet das Kleinkunst-Team aber unter dem Label „Achterbahn – Showlooping aus der Mainspitze“ eine monatliche Sendung auf Rhein-Main TV an, die unter Einhaltung der Sicherheitsabständen in den Burg-Lichtspielen – leider ohne Publikum – aufgezeichnet wird. Alle bisherigen sieben Folgen können kostenlos auf www.achterbahnshow.de angeschaut werden. Für Kids bieten zwei junge Mitglieder der „Achterbahn“ jeden Sonntag um 11 Uhr „Lesezeit für Kinder“ auf YouTube an. Mit Bildern, Texten und ihren Stimmen erwecken Charlotte und Lando phantasievolle Kindergeschichten zum Leben.

Natürlich ist durch diese behutsamen Kultur-Rückgewinnungs-Aktionen noch lange nicht alles beim Alten. Aber sie zeigen, wie Kulturschaffende mit Kreativität, Herz und Verstand einer Krise die Stirn und den Menschen der Region ein Licht am Ende des Projektors bieten können. Nachmachen erlaubt!


Text: Axel S. // 24.09.2020