Praxisalltag im zweiten Lockdown

Es ist Montagmorgen 8 Uhr, ein Tag nach der Verkündigung vom 2. Lockdown durch die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten.

In der Praxis herrscht normale Betriebsamkeit, nur die Stimmung wirkt gedrückter. Das Telefon klingelt unentwegt. Die Patienten haben viele Fragen, wie zum Beispiel: „Schließen die Arztpraxen auch im Lockdown?“ oder „Wann und wo gibt es den Corona Impfstoff?“ Aber auch das Aufmerksam machen ist dabei, dass man selbst sehr krank ist und flehentlich dies bei der Priorisierung des Impfstoffs bitte angeben sollte. Viele Patienten mit Erkältungssymptomen fragen nach einem Corona Abstrich und immer wieder kommen Fragen zu vermeintlichen Kontakten zu vermeintlich positiv getesteten Personen.

Meine erste Patientin ist eine 64-jährige Frau, die ich am Freitag zuvor mit der Diagnose einer schweren Lungenentzündung in die Klinik eingewiesen habe. Der Corona Abstrich war negativ. Sie befindet sich in einem schlechten Allgemeinzustand und ich halte sie für stationär behandlungsbedürftig, um eine intravenöse Antibiose zu verabreichen. Sie wurde aber vom Krankenhaus nicht aufgenommen, da Bettenkapazitäten vor dem Wochenende für eventuell anstehende Corona-Fälle freigehalten werden müssen. Eine Behandlung oder eine Medikation für zuhause erhielt die Patientin nicht.

Meine zweite Patientin ist eine 74-jährige Frau, bei der ein Harnblasenkrebs festgestellt wurde. Sie wurde über die Diagnose aufgeklärt, der Termin zur weiteren Therapie, insbesondere zum Operationsverfahren, wurde abgesagt und auf voraussichtlich Mitte Januar verlegt. Die „nicht notfallmäßigen“ Operationen werden verschoben, da die Kapazitäten für Corona-Erkrankte freigehalten werden müssen. Die Patientin ist sehr in Sorge und wäre schon mit einer Aussage zur weiteren Behandlung und zu ihrer Prognose zufrieden gewesen.

Die nächste Patientin ist eine junge berufstätige Frau, die weinend vor mir sitzt. Sie hat eine Familie mit zwei kleinen Kindern: Das eine Kind besucht die Grundschule, das andere den Kindergarten. Sie und ihr Mann sind berufstätig. Das Kindergartenkind musste bereits im letzten Monat zweimalig für jeweils 14 Tage in Quarantäne, da eine Erzieherin positiv auf Corona getestet wurde. Mit der gestrigen Verkündung des zweiten  Lockdowns und der damit verbundenen Schließung der Kitas und Schulen seien sie am Ende ihrer Kräfte. Wegen der psychischen Erschöpfung halte ich die Mutter für nicht arbeitsfähig.

Als nächstes kommt ein älteres Ehepaar zu mir, sie sind unsicher, wie sie sich Weihnachten verhalten sollen. Sie möchten gerne einen Rat von mir. Sie möchten gerne, dass ihre Kinder mit ihren Familien zu Besuch kommen. Sie haben keine Angst vor Corona, aber ihre Kinder haben Angst, sie anstecken zu können. Das macht sie traurig.

Der nächste Patient ist ein 85-jähriger Herr, dessen Ehefrau im Seniorenheim betreut wird. Er darf seine Frau diese Woche nicht besuchen, da es in der Pflegeeinrichtung zwei positiv getestete Heimbewohner gab. Ob er seine Frau an Weihnachten besuchen darf, weiß er noch nicht. Ich kann ihm da leider keine Hoffnung machen.

Kurz darauf weint sich eine ältere Dame bei mir aus. Ihr Ehemann sei in der Klinik verstorben (nicht an Corona!) und sie durfte ihn nicht mehr besuchen, konnte nicht Abschied nehmen.

Es kommt eine 82-jährige Patientin in Begleitung ihres Sohnes. Sie habe in den letzten Tagen starke Herzrhythmusstörungen mit Schwindel verspürt. Im EKG konnte dies bestätigt werden. Ich habe der Patientin mehrmals erklärt, dass diese Rhythmusstörungen gefährlich für sie sein können, dass sie auch tödlich verlaufen können und ich daher eine stationäre Behandlung unter Monitorkontrolle empfehle. Sie lehnt eine Krankenhausaufnahme ab, die Angst vor einer Corona-Infektion sei zu groß. Ich muss sie mit einem unguten Gefühl gehen lassen.

So ähnlich wie in dieser Sprechstunde verlaufen bereits seit Wochen und Monaten die Gespräche mit meinen Patienten.

Corona Pandemie bedeutet für mich schon lange nicht mehr, wieviel Infizierte, wieviel Erkrankte oder wieviel Todesfälle wir tagesaktuell in Deutschland haben. Sondern wie hoch ist die Zahl der Menschen, die an Ängsten, Depressionen oder nicht behandelten Erkrankungen leiden. Oder vielleicht versterben, weil sie aus Angst den Arzt- oder Krankenhausbesuch meiden oder aber weil sie nicht entsprechend behandelt werden, weil sich die medizinische Welt nur noch auf die Diagnose Corona konzentriert.

Vor drei Wochen hatte ich bei einem Interview durch gigutogo die Möglichkeit zu schildern, was ich mir für 2021 wünsche. Ich war im ersten Moment mit dieser Frage überfordert, aber jetzt weiß ich – nach Reflektion meines Einsatzes in der Praxis –, dass es verschiedene Punkte sind, die sich hoffentlich im nächsten Jahr verändern werden.

Das Dramatisieren und das tagtägliche mediale Angst machen vor einer Corona Infektion muss unbedingt aufhören. Wenn ich als Hausärztin auch nur ein kleines Glied in der Behandlungskette bin, so kann ich –  zurückschauend auf fast ein Jahr Pandemie – diese Gefährlichkeit nicht erkennen.

Ich möchte mit der Schilderung meines Arbeitsalltags einen kleinen Beitrag leisten und Aufmerksam machen auf die Begleiterscheinungen/ Begleiterkrankungen und Sorgen der Menschen, die nicht durch eine Infektion, aber durch die Maßnahmen und Medienberichte zustande kommen. Die betroffenen Patienten selbst trauen sich nicht, weil sie sich zurücknehmen, schließlich geht es ja um Menschenleben … (wie uns das Herr Söder täglich einimpft).

Dr. Dorothea Krallinger



14.01.2021