Interview mit zwei Ginsheimer Ärztinnen

„Das größte Problem ist zu wenig Impfstoff“, sagt Dr. med. Vernonika Staubach-Fry, die in ihrer Praxis seit April über 200 Impfungen durchführte. Besonders die Warteliste für das Vaccin von Biontech sei lang, wo hingegen an AstraZeneca wenig Interesse besteht. Trotz geringer Anzahl der zur Verfügung gestellten Impfungen erhöhte sich der Arbeitsaufwand in den Artzpraxen ernorm. „Ich habe mein Praxispersonal aufgestockt, um die Organisation rund um das Impfen bewältigen zu können“, berichtet Dr. med. Dorothea Krallinger aus ihrem Praxisaltag. Die Mehrarbeit liegt dabei in der Bearbeitung der Anfragen und der Pflege der langen Priorisierungslisten, weil sowohl Leute hinzukommen, als auch weggestrichen werden, wenn sie zwsichenzeitlich im Impfzentrum waren. Zudem erfahren beide Hausärztinnen erst kurzfristig, wie viele Impfdosen geliefert werden, was die kurzfristige Koordination aufwendig macht. Und auch nach der Impfung geht die Bürokratie weiter, denn die Anzahl der Geimpften muss vom Praxisteam verschlüsselt übermittelt werden. Ein Pensum, das beide Praxen stemmen und sich gleichzeitig so verantwortungsvoll um die Patienten kümmern, dass sich diese durch das vorherige Impfgespräch und den Ablauf der Impfung sehr gut aufgehoben fühlen. „Das Telefon hat viel geklingelt, aber Frau Dr. Krallinger hat mir alles in Ruhe erklärt“, „Ich vertraue Frau Dr. Fry, weil sie mir keinen Impfstoff aufquatscht.“ oder: „Die Arzthelferin war sehr freundlich, ruhig und überprüfte nach der Impfung , wie es mir geht“, so die Stimmen von Patienten. 

Auf die Versprechung des Gesundheitsministers, im Sommer könne jedem ein Impfangebot gemacht werden, reagieren die Ärztinnen mit gemischten Gefühlen. „Die Botschaft: „Wer will, der kann bald“ ist eine dehnbare Aussage. Die Bürger verstehen unter „bald“ in ein bis zwei Wochen und das ist aufgrund des mangelnden Impfstoffs sicher nicht umsetzbar. Manche Tage fühlen wir uns, insbesondere meine Helferinnen, wie der Prellbock dieser Impfkampagne. Erwartungen und Angebot liegen weit auseinander und das führt zu Frust auf beiden Seiten“, so Dr. Dorothea Krallinger. „Ich wünsche mir weniger Versprechungen, die nicht gehalten werden können und sehe es auch nicht als meinen Job an, für die besser verfügbaren Impstoffe zu werben“, betont Dr. Vernonika Staubach-Fry. 

Die Botschaft, dass sich junge, gesunde Menschen durch die vermeintliche Dringlichkeit nicht unter Druck setzen lassen sollen, liegt Dr. Dorothea Krallinger am Herzen. Es gäbe noch viele offene Fragen zum Virusverhalten und zum Impferfolg, so die Ärztin, die zu diesem Thema Prof. Dötsch, den Präsidenten der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin zitiert. Dieser sagt „Abwarten ist in der Medizin eine echte Option“.

Dr. Veronika Staubach-Fry spricht zum Abschluss noch den digitalen Impfausweis an, den es laut Aussage des Gesundheitsministers Spahn seit Montag in Arztpraxen geben sollte. „Bei uns gibt es ihn z.Zt. noch nicht, das Softwarehaus versucht aber eine Lösung zu finden, um dies zu ermöglichen.“, sagt die Ärztin, bevor sie mich mit ihrer sympathisch-verschmitzten Art anschaut und ironisch sagt: „Meine Idee wäre, dass sich nicht die Hausärzte oder Apotheken, sondern die Krankenkassen um diese Arbeit kümmern“. 

„So wie es jetzt ist, kann es auf Dauer nicht weiter gehen“, ist das Abschlussstatement von Dr. Dorothea Krallinger, denn sie sagt: „Bei aller Bedeutung der Pandemie dürfen wir Ärzte den Blick auf die allgemeine Medizin nicht verlieren.“


Für diesen Bericht sprach Axel S. mit Dr. med. Veronika Straubach-Fry (Fachärztin für Allgemeinmedizin, Ärztliche Psychotherapeutin und Sportmedizinerin, Praxis in Ginsheim), Dr. med. Dorothea Krallinger (Internistin und Fachärztin für Allgemeinmedizin. Praxis in Ginsheim), sowie mit Patienten beider Praxen.




17.06.2021