Wie geht es eigentlich unseren Einzelhändlern?

Eine Geschichte von geschlossenen Türen, offenen Menschen und dem Blick nach vorne

Für das Erscheinungsbild unserer Orte sind sie das Salz in der Suppe. Geschäfte wie die Buchhandlung in der Villa Herrmann Gustavsburg oder das Modehaus Heidacker in Bischofsheim ersparen uns nicht nur den Weg in die nächste Großstadt, sondern sie vertiefen die Verbundenheit zum eigenen Wohnort. Sie sind fußläufig oder in wenigen Busstationen erreichbar – das ist praktisch. In den inhabergeführten Läden trifft man häufig die Chefs – das ist persönlich. Und weil gute Beratung seltener wird, empfehlen wir unsere Heimathändler, wodurch Menschen von Außerhalb zu uns in die Mainspitze fahren – das macht etwas stolz.

 

Im folgenden Artikel widme ich mich der Frage in der Überschrift, die uns Leser*innen stellten, die sich aufgrund des Lock Downs um die inhabergeführten Einzelhandelsgeschäfte sorgen. Die Erwartung einer „Früher-War-Alles-Besser-Abhandlung“, in der ich aufzähle welche Läden den Mainspitz-Gemeinden im Vergleich zu vergangenen Jahren fehlen – wie sie in solchen Berichten häufig zum Einsatz kommt – werde ich aber enttäuschen. Früher war nicht alles besser. Früher war früher und heute ist heute – und es hängt an uns, was wir daraus machen!

 

Für diesen Beitrag sprach ich mit vier Inhabern von Einzelhandelsgeschäften in der Mainspitze und erlebte durchweg verantwortungsvolle Chefinnen und Chefs, die ihre Kunden und Mitarbeiter schützen und trotz wirtschaftlichen Einbußen positiv in die Zukunft schauen. Im Artikel gebe ich meinen Eindruck des Krisenmanagements wieder und beschreibe die Möglichkeiten, die dabei für uns entstehen, auch während des Lockdowns Kunde zu bleiben. Viel Spaß beim Lesen!

 

Einfach melden!

„Wir machen »Mode to go«“, sagt Annegret Kunert lachend, als ich sie in ihrem Modehaus Heidacker anrufe. Wie andere Einzelhandelsgeschäfte schloss sie ihren Betrieb zum 16.12.2020 und nutzt gemeinsam mit ihrem Team die ruhigere Zeit für Inventur und die Dekoration des Schaufensters. Auch wenn gerade die letzte Dezemberwoche umsatzstark ist, schaut sie gut gelaunt nach vorne. „Wir sind da und bieten unseren Kundinnen und Kunden Abholung und Lieferung an“, so die Bischofsheimer Modeexpertin. „Manche sehen etwas im Schaufenster und andere nutzen unsere telefonische Beratung“, erklärt Annegret den Ablauf. „Wir stellen dann etwas zusammen, was nach Absprache abgeholt oder geliefert, anprobiert und zurückgegeben werden kann“, so die Inhaberin. 

Für die Kunden hat Corona dabei sogar einen positiven Effekt. Dadurch, dass aufgrund des Lockdowns mehr Winterware als sonst liegen blieb, fällt die jährliche Rabattaktion großzügiger aus. So winken Rabatte zwischen 30 und 40 % beim Kauf von wärmender Kleidung für niedrigere Temperaturen.

Von ihren Kunden wünscht sich Annegret, dass sie dem Modehaus Heidacker die Treue halten. „Bitte habt keine Angst, euch bei uns zu melden. Wir freuen uns über jeden Kontakt“, so Annegret Kunert.

 

Maximal eine Person

„Wir tragen die Maßnahmen mit“, sagt Mike beim Pressetermin in seiner Radio-Hebel-Werkstatt in Ginsheim, während er gestikulierend einen Kunden vor seinem Schaufenster bittet, ein paar Minuten zu warten. „Dieser Herr hat einen Werkstatt-Termin, wir dürfen aber derzeit maximal eine Person reinlassen“, so Mike Hebel, der die Coronamaßnahmen sehr ernst nimmt und in seinem Unternehmen konsequent umsetzt. „Wir haben ein schulpflichtiges Kind und möchten, dass alle gut durch die Krise kommen“, so der Informationstechniker.

Auch wenn bei Radio Hebel viele Kunden auch ohne Corona in der Vergangenheit den Liefer- und Aufbauservice in Anspruch nahmen, merkt er den Lockdown. „Alles ist aufwendiger und mit Terminen verbunden. Schnell mal vorbeikommen geht halt nicht“, so Mike.

Neben dem Werkstatt-, Reparatur- und Lieferservice ist auch der Direktverkauf von Fernsehern und anderen Elektrogeräten mit einem Abholtermin möglich. Mike Hebel und sein Team sind telefonisch und per E-Mail erreichbar.

 

Laaft net fort!

„Wir kennen das ja noch vom Frühjahr,“ sagt Inge Tschetschel, die mit ihrem Geschäft in der Bischofsheimer Mainstraße in der Region für ihre perfekte Beratungen rund um Dessous, Wäsche und Bademoden bekannt ist. Auch sie bietet einen Bestell- und Abholservice an, der ihr sichtlich Freude bereitet. „Telefonisch wird beraten, dann erstellen wir eine sortierte Auswahl. Und auch Geschenkgutscheine werden gerne genommen“, so Inge.

Dass die Geschäfte ohne Lockdown besser laufen würden, trübt ihre Stimmung nicht. „Man kann sich die Situation nicht aussuchen. Wir hatten zwischen den beiden Lockdowns geöffnet, das war eine sehr gute Zeit“, berichtet Inge und freut sich auf gute Geschäfte, wenn die aktuellen Schließungen vorbei sind, „denn die Kollektion für’s Frühjahr steht in den Startlöchern. Wir möchten unsere Kundinnen schön kleiden und mit den feinen Stoffen verwöhnen“, so Inge Tschetschel.

Für den bevorstehenden Valentinstag (14.02.) bietet Inge liebevolle Wunschgeschenkgutscheine an, die abgeholt werden können.

Besonders wichtig ist ihr der Leitsatz „Laaft net fort - kauft, esst und trinkt vor Ort!“, wie er von den Gewerbevereinen der Mainspitze ausgerufen wurde. „Ein solches Handeln ist zukunftsorientiert, denn so bleiben Einzelhändler in Bischofsheim und Ginsheim-Gustavsburg weiter bestehen“, ist sich Inge Tschetschel sicher.

 

Ein kleines Jubiläum

„Wir profitieren davon, dass sich gerade viele auf die kleinen Geschäfte vor Ort zurückbesinnen“, erzählt Christina Müllender, die erst mal einen Schreck bekam, als sie im Dezember hörte, dass sie am 16.12. ihre Buchhandlung in der Villa Herrmann schließen muss. „Dann habe ich mich aber an den März zurück erinnert. Viele Kunden bestellten ihre Bücher telefonisch und holten sie dann ab – und genauso machen wir das jetzt auch“, so Christina.

Dass der harte Lockdown vorangekündigt wurde, hatte ebenfalls einen positiven Effekt auf den Verkauf, wie die Buchhändlerin berichtet. „Die zwei Tage vor der Schließung waren sehr gut“, sagt sie.

Dass das Stöbern in der Buchhandlung derzeit nicht möglich ist, bedauern viele Kunden. „Wir können aber Bücher nach draußen geben, die man auf den Gartenmöbeln vor unserem Eingang durchblättern kann“, so die Buchhändlerin.

Auch der Gutscheinverkauf läuft gut, was ein kleines Jubiläum während des Pressegesprächs verdeutlichte. So erstellte Christina Müllender während meines Anrufs genau den 100. Gutschein mit ihrem neuen Warenwirtschaftssystem. An dieser Stelle noch einmal „Herzlichen Glückwunsch!“.

Zum Ende des Gesprächs äußerte sie für das Jahr 2021 noch zwei Wünsche. „Toll wäre es, wenn die Coronazahlen nach unten gehen und die Normalität zurück kehrt. Außerdem freue ich mich, wenn der direkte Weg von Ginsheim zur Villa wieder möglich ist. Wir merken die gesperrte Bahnunterführung deutlich“, so Christina Müllender.

 

Insgesamt beruhigten mich die vier Gespräche mit den Inhabern des Modehaus Heidacker, Radio Hebel, der Buchhandlung in der Villa Hermann und Dessous, Wäsche und Bademoden Inge Tschetschel. Klar, niemand freut sich über die vorübergehende Schließung seines Ladens, aber unsere Einzelhändler machen aus der Not eine Tugend, indem sie Einkaufsmöglichkeiten per Bestellung anbieten. Außerdem gehen sie mit gutem Beispiel voran, indem sie positiv nach vorne schauen und nicht jammern. Auch wir Kunden besitzen Macht, die aktuelle Situation zum Positiven zu verändern. Jeder, der die Bestell- und Abholmöglichkeiten der Einzelhändler nutzt, stärkt durch seinen Umsatz die Geschäfte der Region und sorgt mit seinem Anruf für ein persönliches Gespräch, das die Tage bis zur Öffnung für uns alle kürzer werden lässt.

Axel S.

Die im Artikel interviewten Geschäfte auf einen Blick:

 

Modehaus Heidacker

Schulstraße 8 · Bischofsheim

06144/7243

 

Radio Hebel 

Schillerstraße 11 · Ginsheim 

06144/31444

 

Inge Tschetschel

Dessous - Wäsche - Bademoden

Mainstraße 9 · Bischofsheim

06144/1569

 

Buchhandlung in der 

Villa Herrmann

Mozartstraße 3 · Gustavsburg

06134/566960



28.01.2021