Mit kulinarischer Kreativität durch den Winter

Wie die Gastronomen der Mainspitze den Lockdown light empfinden

Wer im letzten halben Jahr in Bischofsheim, Ginsheim oder Gustavsburg ein Restaurant besuchte, weiß was die Gastronomen der Mainspitze geleistet haben. Sie entfernten Tische, desinfizierten die übrigen Plätze nach jedem Gast, putzten zehn mal so viel, wie früher, führten Ordner mit Gästelisten, trugen die komplette Arbeitszeit einen Mund- und Nasenschutz und manche installierten sogar Plexiglasscheiben. Besucher lobten die durchgängig eingehaltenen Hygieneregeln und fühlten sich sicher. „Als ich mein Essen in der Burgklause mitnehmen wollte, brachte mir die Bedienung die Verpackung an den Tisch. Aus Sicherheitsgründen musste ich es selbst einpacken, was für mich in Ordnung war“, so ein Gast des Gustavsburger Restaurants. Für diesen Artikel sprach ich mit acht Gastronomen der Mainspitze über Lieferservice, staatliche Hilfen und Verantwortung. Viel Spaß beim Lesen!

 

„Am Wochenende vorm Lockdown light war unser Restaurant voll,“ berichteten alle Gastronomen, mit denen ich sprach. „Vielen war bestimmt bewusst, dass es vorerst die letzte Gelegenheit ist, gemütlich im Café zu sitzen und die frische Konditoreiware und einen guten Kaffee zu genießen“, so Conny und Oli vom Café Rheingenuss über mögliche Beweggründe der Besucher. 

„Für mich ist es ein Schock, dass wir wieder schließen müssen. Wir haben so viel gemacht, um die Sicherheit unserer Gäste zu gewährleisten“ erzählt Domenico Iaquinta vom Risorante Il Mediterraneo. „Jetzt fahren wir mit 30 Prozent“, so der Inhaber. Seine drei festen Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken, komme für ihn aber nicht in Frage. „Sie sind seit vielen Jahren bei mir und müssen auch ihre Rechnungen bezahlen“, so Domenico, der vor allem mit Familien mitfühlt, bei denen beide Lebenspartner von Kurzarbeit betroffen sind. Darüber, dass er seine Gäste ab und zu durch den Abholservice sieht, freut er sich. „Wir werden toll untersützt und sind dankbar für die Solidarität“. 

„Auf 22 Plätze mussten wir unseren Gastraum reduzieren. Dies war eine große Herausforderung, weil wir häufig deutlich mehr Nachfrage hatten“, erinnert sich Henrik Meyer vom Meyers in Bischofsheim an die Zeit vor der erneuten Schließung. Im Gegensatz zum ersten Lockdown ließen sich Melanie und Henrik Meyer mit dem Angebot eines Abhol- und Lieferservice Zeit und schlossen ihr Restaurant für die erste Zeit komplett. „Da sich die Regierung bezüglich der staatlichen Hilfen nicht rechtzeitig festlegte, warteten wir ab, damit uns durch die Öffnung keine Nachteile entstehen. Unsere Stammkunden hatten dafür Verständnis“, so Henrik. Mittlerweile bietet das Meyers Freitag bis Sonntag Menüs und eine kleine Karte für zu Hause an. Für die Weihnachtszeit planen Melanie und Henrik wechselnde Adventsmenüs, die es im Fall einer Verlängerung der Restaurantschließungen auch für zum Abholen oder Liefern geben wird. 

Auch das Café Rheingenuss öffnet an den nächsten Wochenenden (21./22.11. und 28./29.11.) jeweils von 12 bis 17 Uhr für einen Abholservice seine Türen. „Nachdem unsere treuen Kunden nun über zwei Wochen auf unsere leckeren Torten und Kuchen verzichten mussten, möchten wir wieder für sie da sein. Auch wir vermissen die glücklichen Gesichter, wenn wir unseren Kunden ihr Kuchenpäckchen über die Theke reichen und sehr oft dafür Lob und positive Bestätigung bekommen“, so die Cafébetreiber Conny und Oli.

 

Einen großes Dankeschön der Gastronomen geht an die Facebook-Gruppen Bischofsheim und GiGu. Mit viel Liebe zum Detail stellten Matthias und Dennis (Facebook-Gruppe Bischem) und Julia und Markus (Facebook-Gruppe) Gastronomieverzeichnisse zusammen, die regelmäßig upgedatet werden. Die aktuelle Version findet ihr auf Seite 12.


Durchweg positiv sind die Reaktionen auf das Angebot der Gastronomie der Mainspitze in den sozialen Netzwerken. Mit den Worten: „Heute mal beim Poseidon bestellt. Großes Kompliment, das Essen schmeckt super lecker“, lobte Nina das Bischofsheimer Poseidon in der Böcklersiedlung. „Bei uns lecker Schnitzel vom Frieder“, postete Bernd. „Bei uns gibt’s heute Abend Pizza vom Delizie in der Schulstraße. Lecker!“ schrieb Bürgermeister Ingo Kalweit. Auch das Martinsgans-Menü im Meyers kommt gut an. Sven schrieb: „Abholung und finale Zubereitung nach Anleitung & Video waren sehr einfach und das Endprodukt kann sich sehen lassen. Ach, und lecker war es auch! :-)“, so der Facebook-Nutzer.


 

Da die Geschichte der Gustavsburger Pizzeria L’Arco, die heute auch das Restaurant L’arcino betreibt, mit einem Abhol- und Lieferservice begann, schauen die Betreiber entspannt auf die kommende Zeit. „Wir sind sehr dankbar, dass unsere Gäste vor dem Lockdown noch einmal zu uns kamen und uns jetzt mit ihren Bestellungen unterstützen“, so die Inhaberin.

Mit der Idee einer „Gans to go“ preschte Andreas Schneider von der Altrhein-Schänke in die Zeit des Lockdowns vor. „Viele unserer Gäste bedankten sich bei uns für die Möglichkeit nicht auf das traditionelle Gans-Essen verzichten zu müssen. Mit der Nachfrage nach Gänsen sind wir zufrieden“, so Andreas.

Der Dialog mit seinen Stammgästen helfe ihm und seinem Team sehr, die Zeit mit kulinarischen Ideen zu überbrücken. „Freitags gibt es jetzt zu unserer kleinen Abholkarte immer ein paniertes Seelachsfilet mit Senfsoße, Kartoffeln und Salat und sollte der Lockdown verlängert werden, lassen wir uns auch etwas für unsere beliebten Wildgerichte im Dezember einfallen“, so der leidenschaftliche Koch.

„Durch die Unterstützung unserer Kunden können wir uns gut über Wasser halten – Gewinn machen wir keinen“, sagt Ümit Üç, der mit seiner Frau Eylem vor kurzem GiGu‘s Pizza Kebap in der Ginsheimer Bouguenaisallee eröffnete. Weil er seinen Betrieb erst in diesem Jahr startete, erwarte er keine staatlichen Hilfen. Besonders merke er, den Wegfall des Getränkeverkaufs. „Angebrochene Bierfässer mussten wir entsorgen und dass ab und zu jemand eine Dose Cola mitnimmt, gleicht den Getränkeumsatz im Restaurantbetrieb leider nicht aus“, so Ümit.

 

Stimmt so!

Gerade in Sachen Getränkeverkauf sind sich die Gastronomen der Mainspitze einig. Der Umsatz fehlt in der Kasse und kann auch nicht durch das bestlaufenste Abhol- und Liefergeschäft ausgeglichen werden, vielleicht aber durch eine Aktion, die ich in meiner Stammpizzeria Valentino in Ginsheim beobachten konnte. Ein Kunde holte seine Bestellung im Wert von sieben Euro ab, reichte Inhaber Mario einen Zehn-Euro-Schein und sagte: „Für das Bier, das ich heute bei dir getrunken hätte“. 

Wir alle verbinden positive Erlebnisse mit den Restaurants, in die wir seit vielen Jahren gehen und haben dort oft Großzügigkeit erfahren. Mal kamen wir kurz vor Ladenschluss und durften trotzdem in Ruhe speisen, ein anderes Mal gab es auf Kosten des Hauses einen Absacker oder wir merkten beim Abholen, dass unser Geldbeutel zu Hause liegt und der Chef sagte: „Passt schon“. Jetzt haben wir die Chance, unseren Gastronomen etwas zurück zugeben, ihnen eine schwere Zeit leichter zu machen und damit Arbeitsplätze und unsere Lieblingsorte zu erhalten. 

Also: Worauf warten wir?!

 

Axel S.


19.11.2020