Neuer Bau und alte Kunst in Bischofsheim

Die Stationen der „Theodor-Heuss-Lokomotive“

Dies ist die Geschichte von der Reise einer Lokomotive von der Bischofsheimer Theodor-Heuss-Schule zum Bauhof und wieder zurück in das sogenannte Theodor-Heuss-Karree. Bis August 2022 entsteht an der Abbruchstelle der ehemaligen Schule an der Friedrich-Ebert-Straße ein Neubau mit 70 Wohnungen. Die Rückkehr der über neun Jahre verschollen Lok freut die Bauherrn, die Architekten, den Bürgermeister und vor allem den Bischofsheimer Kulturprofessor.

 

An den Anruf von Prof. Dr. Wolfgang Schneider erinnert sich Susanne Schnell, Leiterin des Bischofsheimer Bauhofs, noch sehr genau. „Er fragte, ob es bei uns einen Stein mit einer Eisenbahn darauf gäbe, und bei mir hat es sofort klick gemacht.“ Bei der auf Putz aufgebrachten Lokomotive mit Anhängern handelt es sich um einen Teil des Wandgemäldes (Fresko) der ehemaligen Theodor-Heuss-Schule, an das sich mit Sicherheit jeder Bischofsheimer erinnert. „Das Fresko war auf der gesamten Wandseite der Theodor-Heuss-Schule, die direkt an der Friedrich-Ebert-Straße gebaut wurde“, so Professor Wolfgang Schneider. Beim Abriss des Gebäudes 2011 sicherte ein Verwaltungsmitarbeiter diesen Teil des großen Wandgemäldes auf dem Bauhof. Die Idee, es wieder in den Neubau an selber Stelle einzusetzen, kam spontan.

 

Jürgen Unger, Geschäftsführer der Baugenossenschaft Ried und Bauherr des Theodor-Heuss-Karrees wurde von Prof. Dr. Wolfgang Schneider wegen seiner regelmäßigen Kolumne zur Bischofsheimer Heimatforschung in dieser Zeitung (heute Seite 5) angesprochen. Für seine Reihe »Kunst am Bau« interessierte sich der passionierte Pensionär für das Wandbild am Riedblock in der Ringstraße. Als der Professor erzählte, dass ein kleiner Teil des Freskos der alten Schulaußenwand gut erhalten im Bauhof lagere, entstand die Vision, das Kunstwerk wieder einzubauen. 

 

Nur ein Teil

Bewahrt wurde leider nur ein Bruchteil des Kunstwerkes. Das unversehrte Abtragen des gesamten Freskos, der die komplette Außenwand kleidete war dem Eigentümer Kreis Groß-Gerau wohl nicht möglich. 


Die Theodor-Heuss-Schule Bischofsheim war eine Grund- und Realschule. Sie wurde 2011 abgerissen, der Schulbetrieb wurde lange vorher eingestellt.


„Es ist eine gute Idee, die Lok nicht nur als Kunst, sondern auch als Reminiszenz an die Geschichte den Bischofsheimerinnen und Bischofsheimern an dieser Stelle zu erhalten“, so Jürgen Unger.

Sehr konkret und mit großer Sorgfalt reagiert Architekt Gerhard Heidacker auf die Integration des Exponats. Beim Inspizieren des auf einen Hohlblockstein aufgebrachten Gemäldes plant der Diplom Ingenieur sofort, wie es gelingt, das Kunstwerk ohne Schäden am Gebäude anzubringen. „Wir hatten erst überlegt, das Fresko abzuschälen, aber hier erscheint mir das Risiko zu groß, dass er brechen könnte. Deswegen müssen wir wahrscheinlich eine größere Aussparung in die Wand bringen, damit das Kunstwerk bündig in der neuen Fassade erscheint“, so der Architekt.

 

Ein Glücksfall

Mit den Worten: „Wir liegen verkehrsgünstig und haben eine hohe Lebensqualität“, berichtet Bürgermeister Ingo Kalweit, dass viele Menschen gerne in Bischofsheim wohnen möchten. Häuser und Wohnungen seien allerdings knapp, so dass die neuen 70 Wohneinheiten der Baugenossenschaft Ried vielen Interessenten eine Chance geben, in Bischofsheim Wurzeln zu schlagen.

Der Neubau ist auch eine gute Nachricht für alle, die bezahlbaren Wohnraum suchen, denn zwei Drittel der Wohnungen seien sozial gefördert, so der Bürgermeister.

Eine raffinierte Lösung bietet das Theodor-Heuss-Karee übrigens für die in Bischofsheim oft diskutierte Parkplatzproblematik. „Es gibt einen gemeinschaftlichen Innenhof, der wunderbar die Autos abdeckt. Dieser ist begrünt und kann sich von den Bewohnern angeeignet werden“, so Architektin Jana Heidacker.

 

Abschließend bemerkt Prof. Dr. Wolfgang Schneider, der für den Pressetermin alle Beteiligten auf dem Bauhof zusammenbrachte, dass die Integration des Alten den Fakt wett mache, warum man bei dem Bau der Wohnanlage nicht von Anfang an an Kunst gedacht habe. Für weitere Bauprojekte in Bischofsheim könnte er damit den Grundstein für weitere Kunstwerke gelegt haben, denn auch der Bürgermeister pflichtete ihm bei. „Ich bin grundsätzlich ein großer Freund von Kunst am Bau. Gerade wenn öffentlich gebaut wird, sollte man soviel Geld in die Hand nehmen, um da was zu machen“, so Ingo Kalweit.

 

Axel S.


19.11.2020