Wenn Rhein und Main über die Ufer steigen

Hochwasser in der Mainspitze

Bild vom Hochwasser in Ginsheim Anfang der 1930er Jahre // Quelle: HVV-Heimatmuseum GiGu

Sie sind eine spannende Attraktion: Die steigenden Wasserstände in der Mainspitze sorgen für interessierte Spaziergänger an Rhein und Main, sowie für zahlreiche Fotos in den Sozialen Netzwerken – hohe Aufrufzahlen und Daumen nach oben garantiert. Aber es gab auch andere Zeiten. Schaue ich in die Chronik von Ginsheim-Gustavsburg (die mir Andreas Klopp von der Stadtverwaltung kurzfristig zur Verfügung stellte) lese ich nichts von Unterhaltungswert durch Hochwasser, sondern von schrecklichen Szenarien, in denen die Menschen auf den Speicher flüchteten und ihre Tiere in Bauschheim in Sicherheit brachten. Über das Hochwasser 1882/83 schreibt Chronist Adam Hübner: „Hoffentlich brauchen spätere Generationen derartige Katastrophen nicht mehr zu erleben.“ Ein Wunsch, der – wie es in der Chronik steht – „bis heute in Erfüllung ging, denn so hoch, wie 1882/83 stieg das Wasser des Rheins nicht mehr.“

 

Ernst, aber routiniert, reagierte die Stadtverwaltung GiGu auf die steigenden Pegelstände, die seit Sonntag wieder fallen. Es gebe sehr gute Prognosen, die eine Vorschau von bis zu 48 Stunden zulassen. Am Freitag (29.01.) habe man per SMS freiwillige Mitglieder der Wasserwehr informiert, dass es bei weiter steigenden Pegelständen zu einem Einsatz der Wasserwehr kommen könnte. Mit der Anzahl der Rückmeldungen sei man sehr zufrieden. Die Befürchtung einer geringeren Beteiligung durch Corona war unbegründet. Die Stadtverwaltung bedankt sich an dieser Stelle herzlich für das ehrenamtliche Engagement in der Wasserwehr.

 

Um Wasserdurchlässe oder durchnässte Deichstücke frühzeitig zu erkennen, laufen Mitarbeiter des Bauhofs Ginsheim-Gustavsburg seit Donnerstag (04.02.) ein bis zwei Mal täglich Fußstreife entlang des Deiches zwischen dem Ginsheimer Schwarzbach und Gustavsburg, sowie der Gustavsburger Schleuse bis zur Mündung. Die zu überwachende Strecke beläuft sich auf 11 km.

 

Wie lebt es sich auf der Insel Nonnenau mit Hochwasser?

„Unsere Familie weiß um die Folgen von erhöhten Wasserständen“, sagt Thies Puttnins-von Trotha, der mit seiner Familie auf der Insel Nonnenau wohnt. Kritisch werde es ab einem Pegelstand von 6 Metern, weil ab 6,10 Meter die Insel langsam wie eine Badewanne vollaufe. In diesem Fall gilt es, alles, was im Bereich einer möglichen Überschwemmung steht, ins Trockene zu bringen, was natürlich auch Tiere, wie das Pferd Comtesse betreffe. Da die Fähre bei Hochwasser nicht einsatzbereit ist, legen die NonnenauBewohner den Weg mittels Boot zurück. „Das bedeutet zwar ein wenig mehr Zeitaufwand, kann aber gut geplant werden“, so Thies Puttnins-von Trotha.

 

Wie reagiert der Schiffsmühlen-Verein?

Herbert Jack (Vorsitzender des Schiffsmühlen-Vereins) lachte, als ich ihn fragte, ob mit der Schiffsmühle bei Hochwasser alles in Ordnung sei. „Oft werde ich gefragt, ob wir Türen abdichten müssen, um die Mühle hochwasserfest zu machen. Dies ist aber nicht der Fall, denn es handelt sich um ein Schiff. Steigt das Wasser, geht die Mühle mit hoch“, so Herbert.

Einzig für den Rückgang des Wassers rüstet sich der Verein, indem er rechtzeitig Werkzeuge bereit hält, um Treibgrut wie Schilf vom Steg zu entfernen, denn dort wird es während Hochwasser wie von einem Sieb aufgefangen. Aktuell liegt der Stegfuß 1,7 Meter im Wasser.

„Die einzige Einschränkung ist aktuell, dass wir und Besucher die Mühle nicht betreten können, was durch Corona derzeit ohnehin nicht möglich ist“, so der Vorsitzende.

Axel S.


Was heute per SMS gehschieht, war früher deutlich aufwendiger. 1970 wurde die Damwache per Brief einberufen, wie dieses Schreiben zeigt, mit dem der Gustavsburger Herbert Jack vor 50 Jahren zur Dammwache gebeten wurde. 


Evakuierung – ein Beitrag von Stadtschreiber Hans-Benno Hauf

Innerhalb weniger Tage im Januar 1955 ist der Rhein durch die Schneeschmelze und die andauernden Niederschläge über die Ufer getreten und hat weite Gebiete vor der Ginsheimer Ortslage in einen einzigen See verwandelt. Auf den Hochwasserdämmen wird Dammwache gelaufen. Das Wasser reicht schon bis an die Sohle der Dammöffnung in der Rheinstraße. In Gustavsburg müssen Frauen und Kinder vor Hofgut Roggenwörth, die in den Baracken nahe der Schiffswerft wohnen, in der Volksschule untergebracht werden. Auf den Rheinauen beginnen die Vorbereitungen zur Bergung des Viehs, das in den Ställen bereits im Wasser steht. Zu diesem Zweck ist die in Rüsselsheim stationierte Transporteinheit der amerikanischen Streitkräfte unter dem Befehl von Captain Miethke mit sechs Amphibien-Fahrzeuge angefordert und kommt zum mehrstündigen Einsatz. Ununterbrochen evakuieren sie Rinder und Schweine,  landwirtschaftliche Maschinen und Erntevorräte auch vom Gut Roggenwörth auf der Neuau  zu den Notunterkünften der Landwirte im Ort. Viele interessierte Ginsheimer verfolgen diesen selbstlosen Einsatz mit besonderer Aufmerksamkeit und Anerkennung für eine Einheit,  die schon bei der Hochwasserkatastrophe zwei Jahre zuvor in Holland über einhundert Menschen vor dem Ertrinken retten konnte.


11.02.2021