Sport- und Kulturhalle Gustavsburg

Ein Saal für Vereine oder eine Location für Events?

Das Gelände hinter der ehemaligen MAN-Verwaltung, in der sich heute das Technologie-, Innovations- und Gründungszentrum (kurz: TIGZ) des Kreises Groß-Gerau befindet // Foto: Torsten Silz


Gerne hätte ich in diesem Artikel die Frage beantwortet: „Wann öffnet die neue Sport- und Kulturhalle hinter der ehemaligen MAN-Verwaltung ihre Türen?“. Die Nutzer des maroden Bürgerhauses in der Hermann-Löns-Allee 19 hätten aufgeatmet, der Abschluss einer jahrzehntelangen Diskussion wäre in Sicht und engagierte Ehrenamtler hätten endlich wieder mehr Zeit für ihre eigentlichen Vereinstätigkeiten. 

Schaue ich in den Fragenpool von »Politik to go« finde ich allerdings nur wenige Beiträge, die in diese Richtung gehen. Zahlreiche Rückfragen zum Thema Bürgerhaus gibt es dagegen zu Kosten, Standort, Parkplätzen und dem Sinneswandel von Parteien.

Als ich mir als stiller Teilnehmer die Online-Videokonferenz der Ausschusssitzung Bürgerhaus (am Do, 4.2.) anschaute, schoss mir eine weitere Frage in den Kopf, die dann auch von vielen Mitgliedern des Ausschusses gestellt wurde:  „Wo kommen wir eigentlich her?“, fragten sie, nachdem die Firma Symbios ihr Wirtschaftlichkeitsgutachten vorstellte, welches eine Vermarktung der geplanten Halle im Bereich Firmenevents, Messen usw. negativ prognostizierte.

Um für diesen Artikel in die Vogelperspektive zu gelangen, sprach ich mit Außenstehenden, die mir mit ihren irritierten Rückfragen klarmachten, dass sich Ginsheim-Gustavsburg in einer außergewöhnlichen Situation befindet: Vereinsvertreter bilden gemeinsam mit gewählten Kommunalpolitikern einen Ausschuss, indem das langjährige Thema „Bürgerhaus Gustavsburg“ – für das es in der Vergangenheit bereits einen über Jahre erarbeiteten, zwischen Politik, Verwaltung und Vereinen abgestimmten Plan gab – erneut diskutiert und umgesetzt werden soll. Statt des Bauamtes der Stadtverwaltung managed eine externe Beratungsfirma das Projekt, dessen geschätzte Kosten sich in Kürze von zwei auf mindestens vier Millionen Euro steigerte (u.a. durch Kosten für Brand- und Lärmschutz, Energiemaßnahmen etc.). Zudem ist unklar, wie lange das aktuelle Gustavsburger Bürgerhaus aufgrund des Zustandes noch genutzt werden kann, was dem Bauprojekt einen zusätzlichen Zeitdruck verleiht. Wie kam Ginsheim-Gustavsburg in diese außergewöhnliche Situation?

 

  • Das Gustavsburger Bürgerhaus ist am Ende seiner Lebenszeit angekommen. Eine Sanierung ist ausgeschlossen.
  • Neubau am Fritz-Bauer-Platz als Rathausersatz geplant. Grundfläche für großen Saal nicht ausreichend
  • SKB überrascht mit der Idee einer günstigen Halle auf dem frei gewordenen Gelände hinter dem TIGZ
  • Ausschuss Bürgerzentrum formuliert „Zwei-Standortlösung“, in der sowohl das Gelände hinter dem TIGZ, als auch das Gelände am Fritz-Bauer-Platz bebaut werden soll
  • Ausschuss beginnt mit konkreter Planung der Sport- und Kulturhalle hinter dem TIGZ

 

Vertrauen zerbricht

Es gibt in der Geschichte des „neuen Bürgerhauses Gustavsburg“ einen Schlüsselmoment, der alles veränderte: Wir schreiben die Zeit nach der letzten Bürgermeister- und Kommunalwahl. Die Stadtspitze hatte sich neu formiert, das Bürgerhaus-Thema (mit der wie oben beschriebenen „abgestimmten“ Planung) war nicht top aktuell, aber auch nicht vom Tisch – und der damals neue Bürgermeister Thies Puttnins-von Trotha lud die Chefs des Sport- und Kulturbundes Gustavsburg zu einer Präsentation in sein Amtszimmer, dass sich damals noch im Gustavsburger Rathaus befand. Was er dort auf den Tisch legte, war eine sehr final aussehende Planung eines Bürgerzentrums schräg gegenüber des heutigen Fritz-Bauer-Platzes, die die bereits abgestimmten Anforderungen der Gustavsburger Vereine an ein Bürgerhaus weit unterschritt. Intensiv eingebunden in diese neue Planung waren die SKB-Vertreter im Vorfeld nicht, so dass sie – so erinnere ich mich an ihre damalige Schilderung des Termins – nur fassungslos auf die Zeichnungen des Architekten schauten. In diesem Moment zerbrach nicht nur das Vertrauen des Sport- und Kulturbundes Gustavsburg in Teile der Verwaltung und Politik, sondern sie sahen Bereiche der Vereinsarbeit ihrer Mitglieder gefährdet und leiteten Maßnahmen zur Selbstverteidigung ein. Was danach geschah, erinnert mich an Asterix und Obelix,. Denn was passiert, wenn man die friedlichen Gallier in ihrem kleinen Dorf stört? Genau: Sie greifen zu ihrer Flasche mit dem Zaubertrank und kein Gegner hat mehr eine Chance. 

Ich kann keinen Vorsatz erkennen, dass Verwaltungsmitarbeiter, der Bürgermeister oder politische Vertreter den Vereinen schaden oder sie bevormunden wollten. Aber ich bedaure für unsere Stadt, dass es nicht gelang, diese schwere Verletzung rechtzeitig zu erkennen und zu heilen, denn dort, wo Vereine, Verwaltung und Politik vertrauens- und respektvoll zusammenarbeiten – Beispiele hierfür gibt es in unserer Stadt genug – wächst Ehrenamt, sinkt Frust, entsteht Spaß und Projekte werden schneller fertig, denn Vertrauen ist Geschwindigkeit.

Zurück zum Schlüsselmoment und den Konsequenzen. Diese waren umfangreich und manifestieren sich im heutigen „Ausschuss Bürgerzentrum“. 

Die Gustavsburger Vereinswelt formierte sich und erhob ihre Stimme. Weil viele Mitglieder stadtbekannt und ihre Aktivitäten beliebt sind, entstand eine starke Pro-Bewegung für ein Bürgerhaus, wie es sich der SKB wünscht. Nicht unbeschadet ging diese Bewegung an den Initiatoren der vom Bürgermeister vorgelegten Planung vorbei, denn „Buh-Mann“ sein tut weh und sorgte u.a. dafür, dass einige politische Vertreter das Burgfest mieden. Über die Angst, sich unbeliebt zu machen, wenn man seine Meinung vertritt, wurde gesprochen.  

 

Kosten verdoppeln sich

Auf dem Fundament dieser durch Misstrauen, Verletzung und Angst zusammengesetzten Bodenplatte gründete sich dann der „Ausschuss Bürgerzentrum Gustavsburg“ mit Vertretern der Gustavsburger Vereine und der Kommunalpolitik, indem versucht wurde, mangelndes Vertrauen durch Transparenz auszugleichen. Nachdem einige Zeit über das Bürgerzentrum am Fritz-Bauer-Platz (heute unter dem Projektnamen „Haus der Zukunft“ bekannt) diskutiert wurde, überraschte der Sport- und Kulturbund mit der Idee einer günstigen Halle auf dem frei gewordenen Gelände hinter der ehemaligen MAN-Verwaltung (in der sich das TIGZ befindet), der sich nach und nach alle Parteien, außer die Grünen GiGu, anschlossen. Um auf das Haus der Zukunft am Fritz-Bauer-Platz nicht zu verzichten, entstand die sogenannte „Zwei-Standort-Lösung“, die neben der Sport- und Kulturhalle hinter dem TIGZ eine kleinere Halle im Gustavsburger Zentrum vorsieht, in der auch Teile des Rathauses untergebracht sind. Durch die Überarbeitung des Hallenkonzeptes des SKB durch einen Mainzer Architekten und die Konkretisierung der Anforderungen erhöhten sich die ursprünglich auf über zwei Millionen Euro geschätzten Kosten auf aktuell rund vier Millionen Euro.

 

Für Vereine oder Firmen?

Um den aktuellen Planungsstand, überregionale Vermarktungsmöglichkeiten und Stellungnahmen zur Offenlegung des Bebauungsplans ging es in der Sitzung am vergangenen Donnerstagabend, die von der Ausschussvorsitzenden Melanie Wegling (SPD) einberufen und geleitet wurde. Inklusive Ausschussmitglieder befanden sich über 50 Teilnehmer im Stream.

„Wir befinden uns gerade in Phase 2 von 5“, erläuterte Susanne Seitz von WPV, des von der Stadtverwaltung beauftragten Planungsbüros. Wenn alles nach Plan laufe, sei eine Fertigstellung im Dezember 2022 möglich. Im Schnelldurchlauf klickte sie PowerPoint Folien durch, auf denen technische Anforderungen sowie Arten und Anzahl von Hallennutzungen strukturiert aufgeführt waren.

Michael Walbrach präsentierte die Analyseergebnisse der Firma Symbios. Sie war beauftragt zu untersuchen, ob es für die Sport- und Kulturhalle hinter dem TIGZ die Möglichkeit einer Vermarktung als Eventlocation für Messen, Firmenveranstaltungen oder Hochzeiten gibt. Dabei gebrauchte der Referent kein Wort häufiger als die englische Abkürzung „USP“. Sie steht für „Unique Selling Proposition“ – auf deutsch „Alleinstellungsmerkmal“ – was der Halle fehle. Insgesamt sehe er aufgrund der Größe, Lage und Parkplatzsituation geringe Chancen einer erfolgreichen Vermarktung. Einzig Hochzeitsveranstalter – und hier wurde deutlich, dass weder er noch die von ihm befragten Veranstalter jemals vor Ort waren – können sich eine Nutzung vorstellen, wenn es ein ansprechendes Umfeld gebe, indem man schön spazieren gehen könne, so Michael Walbrach. Ich saß lachend vorm Computer, als Claus Rethorn anmerkte, dass sich der Anspruch, draußen schön spazieren gehen zu können, in einem Industriegebiet mit Kohlelagerstätten wohl nicht umsetzen lasse.

 

SKB wehrt sich 

Am emotionalsten reagierten die Vertreter des SKB auf die Analyse der Firma Symbios. Ich bin mir zwar nicht sicher, aber ich glaube, die Hutschnur riss bei den SKB-Vertretern endgültig, als Michael Walbrach die umfangreichen Lagerflächen für Vereine – die für solche Hallen untypisch seien – in Frage stellte und eine Belegung der Halle durch Vereine als kontraproduktiv für Vermietung einstufte, weil Vereine viele Termine blockieren und zudem wenig zahlen. 

„Hier wurde Ehrenamt außer acht gelassen. Es kann doch nicht sein, dass die Halle eine halbe Stunde niedergeschmettert wird,“ sagte Frederick Diercks vom SKB. „Gerade aufgrund der Nutzung durch Vereine sind wenig Kapazitäten zur Vermarktung vorhanden“, ergänzte der SKB-Vorsitzende Daniel Martin. „Lasst uns auf die Frage fokussieren »wo kommen wir her?«“ sagte Uwe Fischer vom SKB. „Wir suchen Ersatz für unser altes Bürgerhaus“.

Mit den Worten: „Zu glauben, dass wir eine wirtschaftliche Halle bauen können, da sind wir auf dem falschen Dampfer, wenn wir an unsere Vereine denken wollen,“ unterstütze Thorsten Siehr (SPD) die Position der Vereinsvertreter. Auch Jochen Schäfers (CDU) und Rolf Leinz (Freie Wähler) stellten in Richtung der Vereinsvertreter klar, dass sie weiterhin zur Halle stünden.

Johanna von Trotha (FDP) bezeichnete die Situation als „Weggabelung“ ob eine wirtschaftliche Nutzung möglich sei oder ausschließlich die Bedarfe der Vereine gedeckt werden. „So oder so dürfe man die wirtschaftliche Lage aber nicht außer Acht lassen“, so die FDP-Vertreterin.

Einzig Claus Rethorn positionierte sich eindeutig gegen die Halle hinter dem TIGZ. „Man kann vor der finanziellen Frage nicht die Augen verschließen“, so der Grünen-Vorsitzende, der sich nach wie vor für eine Ein-Standort-Lösung in der Ortsmitte am Fritz-Bauer-Platz einsetzt, wofür er in einem Tonfall kritisiert wurde, der mich etwas erscheckte.   

 

Hürden zur Halle

Weiterer Gegenwind für die Sport- und Kulturhalle hinterm TIGZ kam von Hessen Mobil und der TIGZ GmbH selbst, die sich aufgrund der Offenlegung des Bebauungsplans äußerten. Hessen Mobil widerspreche der angedachten Parkplatzlösung zwischen den Bahngleisen und das Gründungszentrum sehe Beeinträchtigungen durch den nah am TIGZ-Gebäude angedachten Bau, der u.a. die Attraktivität von zu vermietenden Büroflächen mindern könne, wie Bürgermeister Thies Puttnins-von Trotha erläuterte. Auch eingeplante TIGZ-Parkplätze können nicht genutzt werden, da sie vermietet seien und für im Haus Beschäftigte gebraucht würden. Ebenso habe sich das Denkmalamt geäußert und weise auf mögliche Bodendenkmäler in Form von Rückständen der Gustavsburg hin. Entsprechende Bodenuntersuchungen können im April starten, so der Bürgermeister.

 

Ich verließ die Ausschusssitzung mit einer Vielzahl von Gedanken. Dass Rolf (Freie Wähler), Thorsten (SPD) und Jochen (CDU) das Fingerspitzengefühl besaßen, sich nach der „niederschmetternden“ Analyse des Vermarktungspotentials direkt mit einer positiven Botschaft an die Vereinsvertreter zu wenden, empfand ich als vorbildliches Verhalten im Sinne eines wertschätzenden Umgangs. Den Tonfall hingegen, in dem Claus (Grüne) für seine abweichende Meinung kritisiert wurde, empfand ich als unangemessen. Ich glaube sogar, dass dies dafür sorgen könnte, dass Zweifel an der Sport- und Kulturhalle hinter dem TIGZ aus Angst vor Unbeliebtheit nicht geäußert werden, denn die jüngste Geschichte lehrt: „Lege dich nicht mit den Gustavsburger Bürgerhausnutzern an“. Dies zu vermeiden liegt – unabhängig unserer bestehenden Meinungsfreiheit – im Interesse aller. Projektgegner erhalten Gehöhr und die Chance auf Missstände oder Potentiale hinzuweisen, Befürworter erhöhen durch einen konstruktiven Umgang mit Kritik die Akzeptanz von Projekten. Und beides ist bei der finanziellen Dimension der Sport- und Kulturhalle relevant. 

 

Offene Fragen

Wenn ich mir die Fragen unserer Zuschauer und Leser zu diesem Thema anschaue, gewinne ich den Eindruck, dass wesentliche Informationen noch nicht durchgedrungen sind oder gar erklärt wurden. Sie fragen: „Wann wollte die Politik uns Bürger über die Kostenverdoppelung informieren?“, „Woher haben wir auf einmal genügend Geld für zwei neue Bürgerhäuser?“, „Braucht Gustavsburg drei Veranstaltungshäuser?“, „Woher kommt der Sinneswandel der Parteien in Sachen großes Bürgerhaus?“, „Welche Fixkosten hat eine Kulturhalle, in der es keinen Gastronomen gibt, der den Hausmeister macht?“, „Bekommt man in GiGu von der Politik jetzt alles was man will, wenn man als erfolgreicher Festivalveranstalter mit großen Plakaten in der Öffentlichkeit Stimmung macht?“ 

Gerade das in der Ausschusssitzung mehrfach angeklungene, politische Statement für’s Ehrenamt, man wolle in erster Linie eine Halle für die Vereine bauen und Wirtschaftlichkeit stehe nicht im Vordergrund darf erklärt werden. Je mehr Leute die Zahlen und Beweggründe der Hallenplanung kennen und sagen: „Das ist es uns wert“, umso höher die Akzeptanz. Ich glaube auch, dass der Außenblick der Firma Symbios die Situation der bisherigen Bürgerhausnutzer verdeutlicht. Vieles von dem, was die Halle für externe Veranstalter unattraktiv macht, gilt nämlich auch für die Vereine. Es handelt sich um eine „günstige“ Halle in „B-Lage“ hinter einem größeren Gebäude mit ungeklärter Parkplatzsituation im Industriegebiet, mit der die bisherigen Bürgerhausnutzer zufrieden wären. Klingt eher nach Bescheidenheit als nach Wunschkonzert.

Natürlich erzeugt eine öffentliche Diskussion auch Gravitation für weitere Ideen. Aber kann das schaden? 

Axel S.


11.02.2021