Heißer Sommer für die Feuerwehr Ginsheim-Gustavsburg

Einsätze bei über 30 Grad im Schatten

„NEIN!“ – ist das, was mein liebster Comicheld Homer Simpson vermutlich zur aktuellen Situation der Freiwilligen Feuerwehr GiGu sagen würde. Und seien wir ehrlich: Auch in der realen Welt hat die aktuelle Entwicklung etwas von einem schlechten Cartoon-Gag mit Vorankündigung.

 

Seit längerem suchen die Ginsheimer und Gustavsburger Feuerwehrleute dringend weitere Kameradinnen und Kameraden. Als ich unseren stellvertretenden Stadtbrandinspektor René Gitter vor einem Dreivierteljahr fragte, warum die Sirenen häufiger als früher heulen, erklärte er mir, dass dies mit dem Einsatzkräftemangel zu tun habe. „Um genügend Leute vor Ort zu haben, werden beide Wachen alarmiert. Mehr Einsätze gibt es nicht“, so René damals. Insgesamt kamen unsere ehrenamtlichen Helden in 2019 auf rund 150 Feuerwehreinsätze, doch in 2020 Jahr ist alles anders. Während Corona vielen von uns eine Zwangspause verordnete, hat die Freiwillige Feuerwehr mehr zu tun denn je. Rein rechnerisch düste sie in der ersten Jahreshälfte jeden zweiten Tag zum Einsatzort. „Mittlerweile gab es in 2020 über 138 Einsätze (Stand: Mo, 07.09.) und das Jahr ist noch nicht um“, so der stellvertretende Stadtbrandinspektor.

 

Keine Berufsfeuerwehr

Schmunzeln musste ich, als mir Wehrführer Marcel Kaiser von vier neuen Einsatzkräften berichtet, die während der Corona-Zeit den Weg zur Freiwilligen Feuerwehr Ginsheim-Gustavsburg fanden. Zum einen freue ich mich, zum anderen sind die Hintergründe absurd-komisch. „Bei den neuen Kameraden handelt es sich teilweise um Zugezogene. Einigen wurde übrigens erst durch die Berichterstattung über die vielen Einsätze klar, dass es sich bei uns um eine Freiwillige Feuerwehr handelt, bei der sie mitmachen können. Bis dahin gingen sie selbstverständlich davon aus, dass es sich bei einer Feuerwehr im Rhein-Main-Ballungsgebiet mit dieser Vielzahl von Einsätzen um berufliche Kräfte handelt,“ berichtet Marcel, der sich über die weiteren Einsatzkräfte sehr freut.

 

Mehrere Stunden

Besonders in diesem Jahr ist nicht nur die Anzahl, sondern auch der Umfang der Rettungseinsätze. Der Brand im Gustavsburger Industriegebiet „Am Weiherfeld“ in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai und die schwarze Rauchsäule, von der Lagerhalle am Bahnübergang, die am 30. Juli bis zum Flughafen zu sehen war, sind nur zwei Beispiele, an die sich vermutlich jeder erinnert. „Das sind Situationen, bei denen wir schon bei der Anfahrt wissen, das dauert länger“, so René. „Wenn dann noch, wie beim Einsatz am Bahnübergang gemeldet wird, dass eine schwerverletzte Person vor der Halle liegt, macht man sich besondere Gedanken“, so Marcel.

Positiv ist, dass die Freiwillige Feuerwehr GiGu alle Einsätze – trotz fehlender Übungsstunden, die aufgrund von Corona wegfielen – super bewältigt hat. „Ich muss an dieser Stelle allen Feuerwehrleuten ein großes Lob aussprechen. Alle sind am Start, die Motivation ist hoch und das bei teilweise über 30 Grad im Schatten“, kommentiert der stellvertretende Stadtbrandinspektor die vergangenen Einsätze.

 

Dankbarkeit und Unverständnis

Betroffen sind die Feuerwehrleute über das Verhalten von Schaulustigen und Passanten an Einsatzorten. „Ich finde, dass sich die Empathielosigkeit ausbreitet. Es scheint weniger Mitgefühl für Menschen zu geben, die gerade Leid erleben. Es werden Fotos gemacht und Absperrungen ignoriert,“ so Wehrführer Marcel. Auf der anderen Seite erhalten die ehrenamtlichen Feuerwehrleute aber auch Anerkennung für ihre Arbeit. „Ein Dankeschön ist vollkommen ausreichend. Positiv ist aber auch, dass Leute bei den heißen Temperaturen spontan vorbei kommen und kühle Getränke oder Eis vorbei bringen. Das sind Momente, in denen wir spüren, dass die Leute unsere Arbeit schätzen,“ freut sich Marcel.

Ein Dankeschön der besonderen Art gab es von REWE Christian Märker. Dieser schenkte beiden Feuerwachen, sowie der Werkfeuerwehr von Hörmann jeweils eine Palette Wasser, wofür sich Stadtbrandinspektor Jürgen Karheiding herzlich bedankte. „Wir haben stets die Herausforderung unsere Einsatzkräfte mit Getränken zu versorgen. Christian Märkers Angebot, unseren Einsatzstellen Wasser zur Verfügung zu stellen, nehmen wir gerne an“, so Jürgen. „Das Engagement unserer ehrenamtlichen Feuerwehrleute ist für GiGu unwahrscheinlich wertvoll. Mir ist auch bewusst, dass drei Paletten Sprudelwasser die Leistung unserer Helden nicht aufwiegt. Es war mir nur Wichtig ein Zeichen zu setzten und Wasser in großer Menge erschien mir als geeignetes Symbol“, so Christian Märker. „Das gesamte REWE-Team steht hinter unserer Feuerwehr und ich weiß, dass viele unserer Kunden genauso denken!“ 

 

Das positive Helfersyndrom

„Es geht mir darum, mich in die Gesellschaft einzubringen und zu helfen.“ – Diese Antwort erhalte ich oft, wenn ich unsere Feuerwehrfrauen und -männer frage, warum sie in ihrer Freizeit in Brandschutzkleidung zu feurigen Einsätzen eilen. Marcel beschreibt das Streben gerne als „positives Helfersyndrom“. Auch wenn er dabei schmunzeln muss, ist ihm die Aussage sehr ernst. „Herausforderungen, wie Einsatzkräftemangel, unangemessenes Verhalten von Passanten oder gar gefährliche Lagen halten uns nicht davon ab, für unsere Stadt da zu sein,“ ist sich der Ginsheimer Wehrführer sicher.

Weitere Infos über die Freiwillige Feuerwehr Ginsheim-Gustavsburg findet ihr unter 

www.feuerwehr-gigu.de.

 

Laut Gesetzgeber benötigt Ginsheim 48 und Gustavsburg 54 Einsatzkräfte. Der Gustavsburger Bedarf ist wegen des Seniorenheims, des Tanklagers und des Gewerbegebiets höher. Ginsheim ist mit derzeit 53 Feuerwehrleuten leicht im Plus, während Gustavsburg mit nur 26 Einsatzkräften deutlich unterbesetzt ist.


Feuerwehr GiGu jeden Monat bei »GiGu to go«

Aktuell stellt GiGu to go, die TV-Sendung über die Mainspitze in jeder Folge einen ehrenamtlichen Feuerwehrmenschen vor. Einschalten lohnt sich, denn die Persönlichkeiten, Geschichten und Beweggründe sind spannend.


Was tue ich, wenn’s brennt?

Schritt 1: Wenn ihr euch selbst in einem brennenden Gebäude befindet, nix wie raus! Schnappt euch Handy und Schlüssel (und sonst nix), schließt die Türen und bringt euch in Sicherheit.

Schritt 2: Notruf über die 112 absetzen

Schritt 3: Auf die Feuerwehr warten und nicht selbst Heldin oder Held spielen. Unsere Feuerwehrleute sind durch jahrelange Ausbildungsgänge und Übungen hochqualifiziert und mit Brandschutzkleidung ausgestattet.



Text: Axel S. // 10.09.2020