Geschlossene Theater, Essen zum Mitnehmen und offene Herzen

Da ist er: Der zweite Corona-Lockdown! Auch wenn viele die Maßnahmen für angemessen halten, gibt es gerade in den von Schließungen betroffenen Branchen Gastronomie, Kultur und Fitnessstudio Unverständnis. In diesem Artikel beleuchte ich, wie die Menschen der Mainspitze auf die zweite Welle der einschneidenden Coronaauflagen reagieren und sprach dafür mit unseren Unternehmern, Kommunalpolitikern, Kulturschaffenden und ein paar Mainspitz-Promis. Mein Eindruck: Das Herunterfahren des öffentlichen Lebens ist für niemanden leicht, in der Mainspitze scheint die gegenseitigee Solidarität jedoch zu überwiegen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

 

„Würde der Lockdown wie an Ostern einsetzen, wäre das für den Buchhandel der Supergau, denn das Weihnachtsgeschäft ist das Geschäft des Jahres“, erzählt mir Christina Müllender von der Buchhandlung in der Villa Herrmann. Da ihr Geschäft offen bleiben darf, ist sie guter Hoffnung, dass viele Kunden trotz „Lockdown Light“ den Weg zu ihr finden, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen. „Wir haben uns auch schon ein Konzept für eine Einbahnstraßenlösung überlegt“, so die Inhaberin.

 

Gut gelaunt aber ohne Veranstaltungen schaut Ballonkünstlerin Rita Wiebe auf die Weihnachtszeit. Normalerweise sei sie für Dekorationen und Aktionen, bei denen sie aus Luftballonschlangen Tiere zaubert, gerade in dieser Zeit viel unterwegs, aber ihr Kalender ist leer. Auch wenn sie durch ihre Stelle bei der Stadtverwaltung keinen wirtschaftlichen Druck habe, vermisse sie es, mit ihren Ballonkreationen die Welt bunter zu machen. Ihr Lichtblick: Einige Kunden bestellten bei ihr schon in der Vergangenheit Dekorationen oder luftige Geschenkverpackungen zum Abholen. In nächster Zeit möchte sie dieses Angebot erweitern (siehe Seite 8).

 

Weniger optimistisch reagieren die Betreiber der Ginsheimer Fitnessstudios Fitness Treff und Fitpro auf die Einschränkungen, denn für sie bedeutet der Lockdown light, dass sie erneut ihre Türen für die Mitglieder schließen müssen. „Fitnessstudios sind generell durch ein hohes Maß an Hygiene gekennzeichnet“, erzählt Matthias Riedl, Geschäftsführer des Fitpro Center, der für sein Studio ein Lüftungskonzept entwickelte und über einen CO2-Messer regelmäßig die Luftqualität überprüft. Auch Udo Pieh, Geschäftsführer des Fitness Treffs, hielt sich an sämtliche von der Regierung verordneten Maßnahmen, reduzierte Geräte, um Abstände einzuhalten und traf weitere Vorkehrungen. „Durch unsere Lüftungs- und Klimaanlage als auch der Installation einer Raumluftüberwachung durch Sensoren waren wir stets informiert und konnten die vorhandene Technik zielgerecht zur Vermeidung von CO2 Anstieg und anderen Schadstoffen verwenden“, so Udo.

Neben finanziellen Einbußen sieht Matthias Riedl vom Fitpro Center vor allem die Botschaft an die Menschen kritisch: „Durch die Schließung wird vielen Bürgern ein Gefühl vermittelt, dass Studios nicht sicher sind. Wir spüren dies derzeit deutlich und werden dies sicherlich zukünftig in der Bevölkerung noch verstärkt wahrnehmen.“ 

Nicht akzeptieren möchte Udo Pieh vom Fitness Treff, dass er als Gewerbebetrieb mit einem Berufsverbot belegt werde. „Wir werden jedenfalls mit weiteren Unternehmen der Branche als auch unseren Verbänden nun im einstweiligen Rechtsschutz Klage erheben, um eine Schließung zu beenden“, so der Geschäftsführer des Fitness Treffs.

„Die Menschen brauchen zum Ausgleich ihrer beruflichen Tätigkeit sowohl kulturelle, gastronomische als auch sportliche Einrichtungen und Veranstaltungen. Wir hoffen für unsere Gäste auf eine baldige Normalisierung“, erläutert Udo vom Fitness Treff die Wichtigkeit von Sport, Kunst und Kulinarik.

Für die nächste Zeit wünscht sich Matthias Riedl vom Fitpro Center „keine weiteren unlogischen Lockdowns und eine stärkere Lobby für die Fitness- und Gesundheitsbranche.“

 


 

Infektionsketten unterbrechen und der Preis dafür

Mit Verständnis für die Verärgerung der Unternehmen, die für Hygiene- und Schutzmaßnahmen Geld in die Hand nahmen und jetzt doch schließen müssen, reagiert der Bürgermeister von GiGu Thies Puttnins-von Trotha. „Um einzelne Branchen wie die Gastronomie tut es mir leid. Die Vorgaben zeigen aber auch, dass die Regierung aus der ersten Welle gelernt hat und so jetzt z.B. Geschäfte und Friseure offen bleiben dürfen“, so der Bürgermeister.

Stadträtin Susanne Redlin von der SPD GiGu gehört selbst einer Risikogruppe an und verstehe, dass man sehr strikt versuche, die weitere Ausbreitung des Virus zu unterbinden. „Im Bereich der Gaststätten und der Kulturveranstaltungen glaube ich aber, dass man nach all den positiven Erfahrungen der letzten Wochen und Monate und den vielfach bewährten Hygiene- und Veranstaltungskonzepten ein wenig über das Ziel hinausschießt“, sagt sie.

„Nicht gut“ ist das, was Ute Rothenburger von der Freien Wählergemeinschaft Bischofsheim zu den neuen Maßnahmen sagt. „Sie treffen diejenigen, die eigentlich alles richtig gemacht haben“, so die Meinung der Bischofsheimer Kommunalpolitikerin. Gewünscht hätte sie sich, dass die Regeln besser überwacht worden wären.

Dass „Angesichts der erschreckenden Entwicklung der Infesktionszahlen reagiert werden musste“, leuchtet Claus Rethorn von den Grünen GiGu ein. Er denke dabei aber auch an seine kleine Sammlung von stornierten Konzertkarten. „Die Veranstalter, Musiker und andere Künstler tun mir leid, und ich werde ein kehliges ‚Yeahhh!!!‘ ausstoßen und dabei sein, wenn wieder gefahrlos gerockt werden kann“, so der Vorsitzende der Grünen GiGu.

Mit seiner gewohnt ruhigen Art reagiert Udo Kraft, Vorsitzender der Freien Wähler GiGu, auf die den erneuten Lockdown. „Ich wünsche mir Geduld und Vernunft von den Mitbürgerinnen und Mitbürgern, damit wir diese Zeit gemeinsam überstehen“, so Udo, der selbst Risikopatient ist. Seine Teilnahme an Sitzungsterminen entscheide er je nach Situation vor Ort. „Regelmäßige Video- und Telefonkonferenzen werden die nächsten vier Wochen prägen“, ist sich der Parteivorsitzende sicher.

Dass das Vereinsleben noch mehr leidet, befürchtet der Vorsitzende der Bischofsheimer Grünen Wolfgang Bleith. Er wünscht sich, „dass die Beschränkungen eingehalten werden und die Menschen trotzdem zuversichtlich und möglichst gelassen bleiben, was sicher nicht so einfach ist, wenn man sich wirtschaftliche Sorgen machen muss, in engen Verhältnissen wohnt oder alleinstehend ist.“

Jana Eichhorn, die stellvertretende Vorsitzende der CDU GiGu wünscht, sich, „dass sich alle an die Vorgaben halten und sich bewusst darüber sind, dass ein jeder von uns mitverantwortlich dafür, ist unser Gesundheitssystem und die Schwächeren zu schützen.“ Die staatlichen Hilfen für die Gastronomie- und Freizeitbranche begrüße sie, denn „auch die dürfen wir in dieser schweren Zeit nicht alleine lassen“, so Jana.

Von den Maßnahmen selbst geschäftlich getroffen ist Johanna von Trotha von der FDP GiGu. „Ich stelle fest, dass finanzielle Hilfen des Bundes bzw. Landes nicht immer zu Ende gedacht sind“, so die Stimme der FDP im Stadtparlament. Johanna wünscht sich, dass finanzielle Unterstützung der Betriebe und Selbständigen weiter durchdacht und angepasst werden. Wichtig ist es Johanna, sich an die Kontaktbeschränkungen zu halten, auch wenn Geburtstage in ihrer Familie erst in Zukunft wieder mit Freunden gefeiert werden können.

Auch Kerstin Geis von der SPD Bischofsheim hält sich an die Auflagen, obwohl es ihr schwer falle. „Allerdings werden wir weiterhin hier in der Region unsere Einkäufe tätigen und uns bei den hiesigen Gastronomen die eine oder andere Mahlzeit abholen. Aber auch das unter Beachtung der AHA-Regeln“, so die Parteivorsitzende.

Auf vermeidbare Kontakte verzichten werde auch die Stadtverwaltung Ginsheim-Gustavsburg, wie der Bürgermeister berichtet. „Wir prüfen anstehende Termine auf Dringlichkeit und schauen, ob ein Austausch auch digital stattfinden kann“, so Thies Puttnins-von Trotha.

Für „wichtig, richtig und angemessen“ hält Bundestagsabgeordneter Stefan Sauer (CDU) die Maßnahmen. „Schulen und Kitas bleiben offen, die Menschen können überwiegend zur Arbeit gehen und es gibt keine Ausgangssperre. Dieser Rhythmus ist gesellschaftlich sehr wichtig“, so der Bundestagsabgeordnete, der auch versteht, dass die Einschnitte im Freizeitbereich für viele schwer sind. Nicht akzeptieren wolle er, „dass sich eine kleine Gruppe von Corona-Ignoranten dem widersetzt und somit sich und vor allem andere gefährdet.“ Von den Menschen wünsche er sich, dass alle – wie er selbst – wenn möglich zu Hause bleiben und Menschen mit gesundheitlichen Vorschädigungen beim Einkaufen unterstützen. 

Sein Motto: „Der Mensch musste schon viel mehr entbehren und hat dabei zudem häufig viel mehr verloren. Wir haben jede Chance das Virus zu besiegen, wir müssen es nur tun.“ 

 

Zum Abholen oder Liefern?

Eine Corona-Solidaritäts-Welle schwappte den Gastronomen der Mainspitze entgegen. Direkt nachdem die Bundeskanzlerin verkündete, dass Restaurants nur noch außer-Haus-Verkauf anbieten dürfen, starteten in den Sozialen Netzwerken Maßnahmen zum Erhalt der örtlichen Gastronomien.

Matthias Thon und Dennis Wildhirt von der Facebook-Gruppe Bischem und Julia Molter und Markus Späth von der Facebook-Gruppe GiGu stellten umgehend Infoseiten für ihre Orte zusammen, die regelmäßig aktualisiert und als PDF heruntergeladen werden können. Durch die beachtlichen Größen der Communitys erreichten sie dadurch über 8000 Menschen der Region. Für das Posten der Liste in den Gruppen erhielten beide Administratoren-Teams weit über 100 Daumen nach oben. Die Gastronomielisten der Facebook-Gruppen findet ihr im Zeitungsformat auf Seite 12.

 

Auch REWE Chef Christian Märker bot seine Hilfe an. Mit den Worten: „Liebe Gastronomen, wir helfen euch!“ postete er eine rote Alarmnachricht auf der Facebook-Seite seines Lebensmittelmarktes. Er bot an, in seinem Kanal mit Werbung zu unterstützen und Gutscheine der Restaurants bei sich im Markt zu verkaufen. Der Beitrag erhielt über 400 Daumen nach oben, wurde mehr als 500 Mal geteilt und Christian Märker wurde in zahlreichen Kommentaren für seine vorbildliche Solidarität gelobt.

 

Kulturpause – nur so lange sie nötig ist!

Aufgrund des Veranstaltungsverbotes schließen auch die Gustavsburger Burg-Lichtspiele für Besucher ihre Türen. Kino fällt aus und alle Live-Events, die aufgrund der Abstandsregeln u.a. in den Bürgerhäusern stattgefunden hätten, werden verschoben. „Einen Jazzmusiker trifft die Verschiebung bereits zum zweiten Mal“, so Guido Conradi vom Kulturbüro. Mit Absagen auf Dezember vorgreifen möchte der städtische Veranstalter aber nicht. „Wir halten an den Kino- und Kulturveranstaltungen fest, und sind startbereit, sobald es einen positiven Bescheid gibt.“ Geplant ist u.a. das Konzert „Brandy Bealtes Complete“ am 8.12. zum 40. Todestag von John Lennon.

Wer im November Lust auf Kultur hat, den könnte das Programm der „Achterbahn“ interessieren. Der Verein bietet seine monatliche Varietéshow – nach wie vor – als Fernsehsendung auf Rhein-Main TV an. Die Kinderreihe „Achterbähnchen“ läuft noch bis Ende November als YouTube-Show. Alle bereits veröffentlichten Events sind unter www.achterbahnshow.de kostenlos abrufbar.

 

Soweit die Stimmungsbilder, die ich Anfang der Woche einfing. Für die Zeit des Lockdowns vertraue ich auf das Augenmaß der Menschen. Es braucht z.B. eine Lösung für alle, die nicht die Kraft haben, zu einem Restaurant zu laufen, ihre Mahlzeit u.a. mit Gehilfen nach Hause zu transportieren und daheim zu essen. Genauso ist es angemessen, manche Leute in Geschäften vorzulassen und mit Menschen, die alleine spazieren gehen, (mit Abstand) ein paar Worte zu wechseln. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine möglichst angenehme Zeit. Bleibt gesund!

Axel S.


05.11.2020