Kunst am Bau // Folge 5

Professor Schneiders Heimat-Forschungen

Ja, es gibt Kunst am Bau – wenn es sie noch gibt. Denn auch davon gilt es zu berichten: Vom gewesenen Wandgemälde an der Theodor Heuss-Schule. Nach mehr als fünfzig Jahren als Bildungsstätte für viele Schülergenerationen wurde das Gebäude vom Schulträger, dem Kreis Groß-Gerau, abgerissen. Auf der rund 4300 Quadratmeter großen Fläche entsteht eine Wohnanlage. Und es bleibt den Heimat-Forschungen überlassen, die ganze Geschichte von „Aufstieg und Fall“ eines Kunstwerks zu erzählen. 

„Mitten im Fronsee, dort, wo vor etwa 30 Jahren, alljährlich im Frühjahr, ein mächtiger Grundwassertümpel noch bis zur Gutenbergschule heranragte“, schreibt der Lokal-Anzeiger in seiner Ausgabe vom 29. März 1956, „ist in fast zweijähriger Bauzeit ein neues, modernes Schulgebäude entstanden, auf das die ganze Gemeinde Bischofsheim mit berechtigtem Stolz ihre Blicke richten kann.“ Der damalige Bürgermeister Graf hielt die Festrede, begrüßte neben Politik und Volk Vertreter der Geistlichkeit sowie den verantwortlichen einheimischen Architekten, Heinrich Seng. Der überreichte den symbolischen Schlüssel und Rektor Eduard Eisenhauer freute sich, dass nun jede Klasse einen eigenen Saal habe.

Die Feier wurde umrahmt von Musik- und Gesangsdarbietungen des Schulchores unter Leitung von Lehrer Philipp Fischer sowie durch Aufsagung von Gedichten durch einige Schüler. Der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV), Heinrich Lanius, präsentierte eine eigens erstellte neue Ausgabe der „Bischofsheimer Geschichtsblätter“ zur Historie der örtlichen Schulen. Eine „besondere Note“ erhalte die neue Lehranstalt durch ihren Paten, „unseren allseits hochverehrten Herrn Bundespräsidenten Dr. Theodor Heuss.“ Soweit, so schön; aber kein Wort von der Kunst am Bau!

In vielen Gesprächen erinnern sich aber ehemalige Schüler beispielsweise an das riesige Glasmosaik über dem Eingang vom Schulhof. Karl Unger vom ehemaligen Küchenstudio in der Ringstraße weiß zudem von einem weiteren Mosaik im Treppenaufgang zu erzählen. Das sei akribisch nach Vorlage seines Kunstlehrers Heinz Langer als Klassen-Arbeit entstanden und zeige unter anderem eine Kirchenfront, ein Fachwerkhaus und ein Burgtor. Spekuliert wurde deshalb auch darüber, ob die Urheberschaft des Freskos an der gesamten Wand der Schule zur Friedrich Ebert-Straße bei Lehrer Langer lag. Er war es nicht; denn auch seine mittlerweile verstorbene Witwe Gertrud bekundete noch vor ein paar Jahren auf Anfrage, dass diese Wandmalerei nicht seinem Stil entspreche. Und in der Tat gibt es nicht nur die Initialien SK auf dem Kunstwerk, sondern auch die Aussage von Malermeister Norbert Haus, der sich erinnert, dass es wohl von Kunststudenten aus Darmstadt realisiert wurde. Haus war in den 1970er Jahren mit der Renovierung des Gebäudes beauftragt und hat nicht nur das Fresko gesichert, sondern auch die Mischung der Farben in Anlehnung an das Original verantwortet.

 


Auf circa 11 mal 9 Metern entfaltet sich die Kunst-Wand an der Theodor Heuss-Schule: Gezeichnetes und Gemaltes sowie Realistisches und Stilisiertes; Neue Sachlichkeit trifft Impressionismus. Die Montage ist auch eine Hommage an Bischofsheim, zitiert wird oben links die Automobilfabrik von Opel und oben rechts Eisenbahnschienen auf einer stählernen Brückenkonstruktion, mitten drin ein Nachen mit zwei Fährleuten, vielleicht jene am Main, die damals noch Bauern und Besucher zum Hochheimer Markt übergesetzt haben. Zahnräder sind erkennbar und ein Signalschild, aber auch ein Lautenspieler und eine Balletttänzerin. „Für die Zeit ganz typisch“, sagt der Professor für Kunstwissenschaft, Thomas Lange, an der Universität Hildesheim. „Abstrakte Technizismen und musische Elemente zeugen von einem klassischen Bildungsideal, verkörpern Re-Industrialisierung und Re-Education in der Nachkriegszeit.“

Auf Spurensuche nach dem was gewesen ist, waren drei Recherchen äußerst hilfreich: Die Website vom Ex-Bischemer Oliver Basel, der am 13. September 2009 zusammen mit Volker Schütz vom HGV, zur letzten Begehung „Vor dem Ende“ einlud und dies mit mehr als 50 Fotos von Hans Bon dokumentierte. Dort wird auch ein Messingschild mit folgender Inschrift gezeigt: „Die Ausschmückung der Schule wurde anlässlich der Einweihung im März 1956 gestiftet von allen beim Neubau beteiligten Handwerkern und Lieferanten.“ Die Vermessung des Fresko durch Gerhard Heidacker ist zudem eine besonders wertvolle Maßnahme zur Erinnerungskultur und ermöglicht es, das verschwundene Künstlerische der Ewigkeit zu erhalten.

Dem Rettungsversuch des früheren Heimat- und Kulturpflegers Bernd Schiffler ist es wiederum zu verdanken, dass wenigstens ein kleines Stück des Originals erhalten geblieben ist. Ich durfte es dank der Leiterin des kommunalen Bauhofs, Susanne Schnell, auf einer Holzpalette wieder entdecken: zwei Hohlblocksteine mit Putz und darauf schwarz und weiß eine Lokomotive und ein Waggon, die auf dem Fresko ganz unten rechts ihren Platz hatten. Und ich rege an, zum morgigen ersten Spatenstich, das Alte mit dem Neuen zu verbinden, das Kunstwerk von gestern in das Wohnhaus von morgen zu integrieren! Dazu bedarf es einer konzertierten Aktion der Baugenossenschaft Ried, des Architekturbüros und der Gemeinde. Neben dem Einbau könnte der HGV eine Infotafel installieren, auf der die Geschichte aus der Geschichte festgehalten und somit auch zu neuer Kunst am Bau beigetragen wird. Ja, das wär‘ doch was!


05.11.2020