Kunst am Bau // Folge 3

Professor Schneiders Heimat-Forschungen "Das blaue Haus"

Es gibt Kunst am Bau, aber es gibt auch den Bau als Kunst: in Bischofsheim in der Mainzer Straße 5. Auffällig und  irritierend, anstößig und anmaßend, aufregend und anregend zugleich: Das blaue Haus. Auf dem Bürgersteig stehen Keramiktöpfe mit viel grünem Gewächs, in die Hauswände sind Schaufensterpuppen eingearbeitet, geschmückt mit tausenden von Mosaiksteinchen und verwachsen mit Kletterpflanzen sowie Baumranken, ein buntes Miteinander von Natur und Kunst. Und das ist auch das Credo des Machers und Meisters: Jürgen Seng, ein Bischemer Bub, geboren 1944 nach der „Kriegsheirat“ seiner Eltern an Weihnachten, neun Monate zuvor.

 

Der Alt-68er sieht auch so aus wie einer: Langes Haar, grauer Bart und Nickelbrille; lässige Hose, bedrucktes Hemd und Birkenstock-Sandalen. Kaum hatte er im Haus seiner Großeltern Katharina und dem Lokführer Jakob Becker aus dem Jahre 1910 ein eigenes Zimmer, begann er, es auszuschmücken. Noch heute kann man die Applikationen frei nach Gustav Klimt entdecken, wenn man denn fündig wird. Denn nach vier Jahrzehnten sind auch die anderen Innenräume durch das unermüdliche Wirken des gelernten Kunstlehrers gestaltet. Zweimal die Woche kommt er aus seiner neuen Heimat Hünstetten und macht weiter.

Über ein Brückchen mit plätscherndem Bächlein betritt man den Hausflur und schon beginnt die Visite de l‘Art: Stalaktiten wie in einer Tropfsteinhöhle, ein Brunnen und ein Bachlauf mit Wasserfall, Deko-Kugeln von der Decke, allerlei Figurales und Zitate des Natürlichen. Ein bleiverglastes Fenster zur Straße zeigt Seerosen, Ton, Schiefer und Marmor sind ebenso verarbeitet, wie die immer wiederkehrenden  Mosaike aus den unterschiedlichsten Materialien. Jürgen Seng bezeichnet sich gerne als Handwerker, spricht vom inneren Drang und einer Besessenheit,  künstlerische Prozesse zu entwickeln.

Um in den ersten Stock zu gelangen, braucht es Geschick und Wendigkeit; denn auch die Treppe ist alles andere als nur zum Begehen gedacht. Die Dreidimensionalität, die scheint es Jürgen Seng angetan zu haben. Und die großen Vorbilder: Gaudi, an dessen Sagrada Familia in Barcelona er mal eine Schubkarre fahren durfte, Dali, dem er mal die Hand geschüttelt hat, die Wiener Schule um Ernst Fuchs. Im Ort wird auch schon mal als der „Hundertwasser von Bischofsheim“ bezeichnet. 

Sein ganz persönliches Profil offenbart sich aber in der „Gruft“ der Lenore. Mit der Ankündigung „jetzt wird’s heilig“, steigert er die Spannung. Angeregt durch eine Ballade Gottfried August Bürgers wird literarische Geschichte mit bildender Kunst verbunden. Ein Dutzend Grafiken illustrieren den Text, der sich mit der Fürstin Eleonore zu Schwarzenberg aus dem 18. Jahrhundert beschäftigt, die zu ihren Lebzeiten des Vampirismus verdächtigt war und unter anderem auch Bram Stoker für seinen mehrfach verfilmten Roman „Dracula“ inspiriert haben soll. Das Buch ist ebenso Teil des Zimmers wie viele andere Devotionalien der schwarzen Magie.

 

Das blaue Haus ist eigentlich unbewohnbar – und doch ist es in besonderer Weise gastfreundlich. Viele Besuchergruppen wurden schon mit Konzerten und Lesungen beglückt sowie mit Glühwein und Gebäck bewirtet, durften im Eisenbahnzimmer die digital gesteuerten Züge durch winterliche Landschaften bewundern oder die Carrera-Rennbahn im Anblick von Motorsportlegenden wie Jochen Rindt, Jacky Stewart und Graham Hill in Aktion erleben. Und wer dem Philanthropen Jürgen Seng genau zuhören kann, erfährt auch seine ökologische Botschaft: Wider die Schottergärten und für das blühende Leben, draußen gerne auch mit Insekten. Das gefällt, wie man hört, selbst den Nachbarn, an deren Höfen das Gesamtkunstwerk keineswegs Halt macht. Der besondere Bau wird als ästhetische Bereicherung wahrgenommen und sollte auch wegen seiner Verweigerung des sonst üblichen architektonischen Konformen als Verein, Stiftung oder Schenkung eine Zukunft in der Kommune haben!



08.10.2020