Ofen aus bei Bäckerei Schmitt

Filiale in Gustavsburg schließt

Traurig aber wahr! Mit der Bäckerei Schmitt verabschiedet sich mal wieder ein beliebtes Traditionsgeschäft aus Ginsheim-Gustavsburg. Mit den Worten „Ab 01.01.2023 ist bei uns der Ofen aus. Die Welt hat sich verändert, der Mensch hat sich verändert, das Einkaufsverhalten hat sich verändert“, bedanken sich Familie Schmitt und ihr Team bei allen, die ihnen bis zum Schluss die Treue hielten. Neben Melancholie beim Rückblick auf die 93-jährige Firmengeschichte überwiegt bei Familie Schmitt die Dankbarkeit. „Wir sind froh, dass es so lange klappte und danken unseren Kunden für die vielen positiven Nachrichten“, sind sich Siglinde, Christine und Jürgen Schmitt einig.

 

Nachdem Jürgen Schmitt in jungen Jahren die Handelsschule abschloss, stand er vor einer Enscheidung: entweder durch eine Konditorlehre in den elterlichen Betrieb einsteigen oder eine Lehrstelle bei der Gustavsburger Volksbank (heute: Volksbank Mainspitze) antreten. Wie er sich entschied, ist allen klar, die sich regelmäßig an den Backwaren der Bäckerei Schmitt erfreuten. Dass er Gustavsburg – auch ohne Bänker zu werden – mitprägte, entschied sich erst Ende der 1980er Jahre, als die Bäckerei Schmitt ihre Filiale in der Darmstädter Landstraße 37 in Gustavsburg eröffnete. 

 

93 Jahre

Die Geschichte der Bäckerei Schmitt ist besonders. Im Gespräch mit Seniorchefin Siglinde Schmitt wird deutlich, wie die Familie mit Herzblut, Liebe zum Detail und konsequentem Fleiß die Beziehung zu ihren Kunden pflegte. Im Jahr 1931 eröffnete ihr Schwiegervater Georg Schmitt die Bäckerei in Kostheim. Im Alter von 16 Jahren verliebte sich Siglinde in Georgs Sohn Karl-Heinz. „Seitdem war ich im Laden und es war meine Welt – von Anfang an“, erinnert sich Siglinde Schmitt, die in wenigen Wochen 85 Jahre alt wird. Aus ihrer Ehe mit Konditormeister Karl-Heinz gingen ihre Söhne Jürgen und Carlo hervor, mit denen sie den Kostheimer Betrieb – zwischenzeitlich um Filialen in Kastel und Gustavsburg erweitert – führte. Während sich Carlo beruflich umorientierte, hielten Siglinde, gemeinsam mit Sohn Jürgen und seiner Ehefrau Christine den Familienbetrieb aufrecht und verkleinerten sich vor einigen Jahren leicht, indem sie die Filiale in Kastel schlossen. Im Gegensatz zu Großbäckereien blieb die Bäckerei Schmitt bis zum Schluss ihrer Linie treu. „Die Geschmäcker der Kunden sind verschieden und so boten wir kleine Mengen von Backwaren an, die in größeren Betrieben auf Grund von Wirtschaftlichkeit schon lange eingestellt worden wären“, beschreibt Jürgen Schmitt das Konzept der Kostheimer Traditionsbäckerei. 

 

Beruf stirbt aus

Die Entscheidung, den Familienbetrieb zu schließen, trafen Siglinde, Christine und Jürgen nicht leichtfertig. „Der Entschluss reifte länger und hat mit Personalmangel und verändertem Kaufverhalten zu tun“, erklärt Jürgen. „Oft stand ich nachts alleine in der Backstube“, das muss nicht mehr sein“, so der Konditormeister, der mit seinem Entschluss aufzuhören auch den Abschied von seinen Stammkunden verbindet. „Es gibt 70-jährige, die schon als Kinder in unserem Geschäft einkauften. Gerade diese Verbindungen werden wir vermissen“, so Jürgen Schmitt.

Die Entwicklung des Lebensmittelhandels ging an der Bäckerei Schmitt natürlich auch nicht spurlos vorbei. „Dass Geschäfte schließen, hängt oft nicht an den Inhabern. Wenn Kunden weiterhin dort einkaufen würden, würden die Geschäfte bleiben“, betont Siglinde Schmitt, die der Aussage ihres Sohnes zustimmt: „Der Beruf stirbt aus. Es gab keine Perspektive weiterzumachen.“ 

So blickt Familie Schmitt gemeinsam und dankbar auf die letzten 93 Jahre zurück und sagt: „Es war die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit.“

 

Erst einmal in Urlaub

„Seit Jahrzehnten fuhr ich immer ohne meinen Mann in Urlaub. Er kümmerte sich immer um die Bäckerei“, erinnert sich Christine Schmitt. Im April geht es zum ersten Mal seit vielen Jahren gemeinsam mit Ehemann Jürgen nach Spanien. Zudem freut sich Jürgen darauf, sein sportliches Hobby noch intensiver zu betreiben. „Seit 40 Jahren sind die Ausdauersportarten Triathlon und Marathon meine große Leidenschaft. Als ich begann, gehörte ich zu den Ersten, die ins Ziel einliefen. Fürs Alter habe ich mir vorgenommen, noch zu den Letzten zu gehören“, erzählt Jürgen.

 

Vor zu viel freier Zeit fürchtet sich auch Siglinde Schmitt nicht. „Ruhe habe ich noch keine gefunden. Letzten Samstag räumten wir das Geschäft in Gustavsburg leer und es ist immer noch viel zu tun“, sagt die Seniorchefin. Zudem deutet sie an, wie es in der Darmstädter Landstraße 37 in Gustavsburg weitergehen könnte. „Das Haus habe ich verkauft. Der neue Besitzer ist ein Grieche, der über einen Griechischen Imbiss in den alten Räumlichkeiten der Bäckerei Schmitt nachdenkt“, verrät Siglinde Schmitt.

Axel S.

Lieber Herr Schmitt,

mit der Schließung ihrer Bäckerei steht mir ein schreckliches Jahr voller Qualen, Sehnsüchte und Entzugserscheinungen bevor: Ich bin im kalten Zimtbrötchenentzug! Neben den gefüllten Streuselstückchen haben es mir Ihre Zimtbrötchen vom ersten Tag meines Lebens in Gustavsburg angetan. Auf Ihrer Brötchentüte stand immer „Handwerk genießen“ und ich habe es sehr wörtlich genommen, jedes Zimtbrötchen war ein voller Genuss. 

Vielen, vielen Dank an Ihr ganzes Team, mit nächtlichem Backen haben Sie mein Frühstück über all die Jahre zimtig versüßt. Auch Ihre Öffnungszeiten waren für im Schichtdienst arbeitende Menschen wie mich ein Segen. Ich wünsche Ihnen von Herzen einen gesunden Start in die wohlverdiente Rente und kann nur betonen, wie sehr ich Ihre Backwaren in Zukunft vermissen werde! 

Liebe Grüße, Sabrina Gitter



12.01.2023