Im Ausbildungsrestaurant Mangold in Bischofsheim herrscht reger Betrieb. Gäste kommen zum Essen, Teller klappern, aus der Küche kommen Bestellungen – und mittendrin steht Sofia. Die 25-Jährige absolviert hier ihre Ausbildung zur Fachfrau für Restaurants und Veranstaltungsgastronomie. Doch ihr Weg in die Gastronomie war alles andere als geradlinig. Heute sagt sie selbst: „Ich bin dankbar, arbeiten zu können.“
Das Mangold (Im Attich 1A in Bischofsheim) ist kein gewöhnliches Restaurant. Betrieben wird es von der AVM gGmbH, einem Träger, der sich darauf spezialisiert hat, Menschen auszubilden, die es im Leben schwerer hatten – etwa aufgrund von gesundheitlichen Problemen, schwierigen Lebensumständen oder Sprachbarrieren. Der entscheidende Unterschied zu klassischen Ausbildungsbetrieben: Im Mangold steht die Ausbildung im Mittelpunkt. „In einem normalen Betrieb gibt es vielleicht ein oder zwei Auszubildende“, erklärt Sofia. „Bei uns waren es zeitweise über 20. Der Fokus liegt darauf, dass wir lernen – nicht nur darauf, dass der Laden läuft.“ Neben Ausbildern arbeiten hier auch Sozialpädagogen und Stützlehrerinnen. Sie unterstützen etwa beim Lernen für die Prüfungen oder bei persönlichen Herausforderungen.
Ein später Start – mit guten Gründen
Sofia begann ihre Ausbildung später als viele andere. Nach ihrem Realschulabschluss im Jahr 2019 kämpfte sie zunächst mit gesundheitlichen Problemen. Bei ihr wurde eine generalisierte Angststörung diagnostiziert. Schon als Jugendliche litt sie unter intensiven Angstzuständen und einem sogenannten Derealisationssyndrom. „Es fühlt sich an, als würde sich die Realität verschieben“, beschreibt sie. „Als wäre man kurz in einer Traumwelt. “Diese Momente dauern meist nur wenige Minuten, können aber sehr belastend sein – vor allem, wenn man allein ist. Mit einer Angststörung zu leben bedeutet oft, Situationen zu vermeiden – etwa Höhen, enge Räume oder Orte, an denen man sich nicht frei bewegen kann. „Wenn ich weiß, ich muss in den fünften Stock, kann das schon schwierig sein“, sagt Sofia. „Dann muss ich erklären, warum das gerade nicht geht.“ Weil man ihr ihre Krankheit äußerlich nicht ansieht, stößt sie manchmal auf Unverständnis. Doch mit der Zeit hat sie gelernt, offen damit umzugehen. Therapie, Selbstreflexion und Unterstützung helfen ihr dabei. Besonders wichtig ist ihr, sich in ihrem eigenen Tempo weiterzuentwickeln. „Früher habe ich mich sehr unter Druck gesetzt“, erzählt sie. „Heute gehe ich Schritt für Schritt.“
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Ein Beruf, der Selbstvertrauen gibt
Die Arbeit im Restaurant hat ihr Leben verändert. Anfangs fiel es ihr schwer, mit dem Tempo und dem Ton in der Küche umzugehen. In der Gastronomie geht es oft laut und hektisch zu. „Am Anfang habe ich Kritik sehr persönlich genommen“, erinnert sie sich. Inzwischen empfindet sie ihren Beruf sogar als große Chance. „Zum ersten Mal in meinem Leben macht mir Lernen Spaß“, sagt sie. „Ich habe ein Ziel.“ Das zeigt sich auch in ihrem Selbstbewusstsein. Feedback versteht sie heute nicht mehr als Angriff, sondern als Möglichkeit, besser zu werden.
Der Beruf der Restaurantfachfrau hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Heute gehören auch Veranstaltungen und Organisation stärker dazu. Doch für Sofia geht es im Service um mehr als nur Essen zu servieren. „Man muss aufmerksam und achtsam sein“, erklärt sie. „Jeder Gast ist anders.“
Für Sofia bedeutet Arbeit weit mehr als nur Geld zu verdienen. „Früher war ich viel zu Hause und wusste nicht, wohin mit mir“, erzählt sie. „Jetzt habe ich einen Grund aufzustehen.“ Die Ausbildung hat ihr nicht nur berufliche Perspektiven gegeben, sondern auch Selbstvertrauen. „Ich habe das Gefühl, endlich am Leben teilzunehmen.“
Noch gibt es Herausforderungen. Fliegen kann Sofia derzeit noch nicht – die Kontrolle abzugeben fällt ihr schwer. Doch auch hier arbeitet sie Schritt für Schritt an sich. Ihr Traum ist es, irgendwann zusätzlich im Tierschutz aktiv zu werden – vielleicht sogar im Ausland. „Dafür muss ich meine Ängste noch ein Stück weiter überwinden“, sagt sie. Aber wer Sofia zuhört, merkt schnell: Sie ist auf einem guten Weg. Oder wie sie selbst sagt: „Wenn man das Leben mit Humor nimmt, wird alles ein bisschen leichter.“
Heimat. Haltung. Hörbar.
im Gespräch mit Sofia vom „Mangold“
Das komplette Interview gibts als Video- und Audiopodcast.
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