Die Ergebnisse der Kommunalwahlen in Bischofsheim und Ginsheim-Gustavsburg zeigen ein differenziertes Bild: Während die SPD in
beiden Kommunen ihre Stellung als stärkste Kraft behauptet, geraten die politischen Mehrheitsverhältnisse in Bewegung. Zugewinne bei der CDU GiGu und der Freien Wählergemeinschaft Bischofsheim (BfW) sowie Verluste bei kleineren Parteien verändern die Kräftebalance – und eröffnen neue Optionen für künftige Koalitionen. Zugleich macht das Wahlsystem erneut deutlich, wie stark lokale Persönlichkeiten das Ergebnis prägen können.
BISCHOFSHEIM Die Kommunalwahl 2026 in Bischofsheim bringt eine spürbare Verschiebung im politischen Gefüge – ohne jedoch die SPD von der Spitzenposition zu verdrängen. Mit 31,76 Prozent bleibt sie stärkste Kraft, verliert allerdings leicht an Rückhalt und büßt einen Sitz ein. Auch die CDU muss Einbußen hinnehmen und rutscht mit 24,99 Prozent auf den dritten Platz ab.
Gewinner der Wahl ist klar die Bischofsheimer Freie Wählergemeinschaft (BFW), die mit 28,18 Prozent deutlich zulegt und ihre Mandatszahl von fünf auf neun Sitze nahezu verdoppelt. Damit steigt sie zur zweitstärksten Kraft auf und gewinnt erheblich an politischem Gewicht. Die GALB verliert ebenfalls leicht und kommt auf 15,07 Prozent sowie vier Sitze. Diese Verschiebungen haben unmittelbare Folgen für die Mehrheitsverhältnisse: Die bisherige knappe Mehrheit aus SPD und GALB ist nicht mehr gegeben. Stattdessen eröffnet sich nun eine neue Option auf der anderen Seite des politischen Spektrums: Ein Bündnis aus BFW und CDU käme auf 17 von 31 Sitzen und hätte damit eine stabile Mehrheit. Die Mehrheitsbildung dürfte damit deutlich offener und zugleich spannender werden, als in der vergangenen Legislaturperiode. Wie schon bei früheren Wahlen zeigt sich auch diesmal die besondere Dynamik des hessischen Kommunalwahlrechts. Durch Kumulieren und Panaschieren konnten zahlreiche Kandidatinnen und Kandidaten ihre Listenplätze teils deutlich verbessern. Besonders auffällig ist dies bei der CDU, wo neben der Landtagsabgeordneten Sabine Bächle-Scholz auch der frühere Bürgermeister Ingo Kalweit einen bemerkenswerten Sprung nach vorne machte und so den Einzug ins Parlament schaffte. Auch bei SPD, GALB und insbesondere der BFW nutzte vielen lokal verankerten Persönlichkeiten ihre Bekanntheit, um innerhalb der Listen nach vorne gewählt zu werden. Insgesamt zeigt die Wahl ein klares Bild: Während die großen Parteien leicht an Bindungskraft verlieren, gewinnen unabhängige und lokal verankerte Kräfte an Bedeutung – mit direkten Auswirkungen auf die politischen Mehrheiten in Bischofsheim.
GINSHEIM-GUSTAVSBURG Die Kommunalwahl 2026 in Ginsheim-Gustavsburg bestätigt zunächst die bestehenden Kräfteverhältnisse – und verschiebt sie doch in Nuancen. Mit 31,51 Prozent bleibt die SPD stärkste Kraft und baut ihre Position leicht aus. Auch die CDU legt zu und kommt auf 28,51 Prozent. Die Grünen rutschen auf 13,73 Prozent ab, die Freien Wähler verlieren spürbar an Gewicht, bleiben aber zweistellig. FDP (4,67 Prozent) und Linke (5,48 Prozent) stabilisieren sich.
In der Stadtverordnetenversammlung spiegelt sich dieses Bild wider: Die SPD stellt künftig 12 Sitze (plus eins), die CDU kommt auf 10 Mandate (plus zwei). Die Grünen verlieren einen Sitz und halten nun fünf, die Freien Wähler büßen zwei Mandate ein und kommen auf sechs. FDP und Linke bleiben jeweils bei zwei Sitzen. Für die Mehrheitsbildung bedeutet das eine neue Ausgangslage. Eine Kooperation aus SPD, Grünen und Linken hätte mit 19 von 37 Sitzen eine knappe Mehrheit. Das bislang mögliche Bündnis mit den Freien Wählern trägt hingegen nicht mehr. Eine Kooperation aus SPD und CDU käme dagegen auf eine komfortable Mehrheit von 22 Sitzen. Ein bürgerliches Bündnis aus CDU, Freien Wählern und FDP verfehlt mit 18 Mandaten die Mehrheit. Auffällig ist zudem der Einfluss des hessischen Wahlsystems mit Kumulieren und Panaschieren. In nahezu allen Parteien konnten Kandidatinnen und Kandidaten von hinteren Listenplätzen deutlich nach vorne rücken. Bei der CDU etwa zog Landwirt Peter Guthmann mit großem Abstand an die Spitze der Liste, während auch jüngere Bewerber wie Michel Maurer deutlich hinzugewannen. Ähnliche Effekte zeigen sich bei der SPD, wo etablierte und lokal engagierte Persönlichkeiten wie Torsten Reinheimer oder Marcel Passet von den Wählerinnen und Wählern nach vorne gewählt wurden. Selbst frühere Amtsträger wie Richard von Neumann oder Enno Siehr schafften so den Sprung in das Parlament. Auch bei kleineren Parteien zeigt sich dieses personalisierte Wahlverhalten: Einzelne lokal bekannte Akteure – etwa aus Vereinsleben, Schule oder Ehrenamt – konnten ihre Listenplätze teils deutlich verbessern. Das Ergebnis unterstreicht damit nicht nur parteipolitische Trends, sondern auch die starke Rolle persönlicher Bekanntheit und lokalen Engagements in der Kommunalpolitik vor Ort.
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Vier Tage nach der Kommunalwahl ist die Müdigkeit noch spürbar – und doch wirkt Lisa Gößwein hellwach. Die Bürgermeisterin von Bischofsheim sitzt im Podcast „Druckreif – Das Redaktionsgespräch“ und spricht offen wie selten: über Frust, Verantwortung, Streitkultur – und darüber, warum sie lieber aneckt, als sich zu verstellen.
Die Wahl vom 15. März hat die politische Statik verschoben. Die bisherige Mehrheit von SPD und GALB (Grünen) ist Geschichte, rechnerisch wäre nun ein konservatives Bündnis möglich. Für Lisa kein Grund für Trotz, sondern für Pragmatismus: „Die Wähler haben so entschieden. Das muss man respektieren.“ Klar ist aber auch: Die Zeiten einfacher Mehrheiten sind vorbei. „Jetzt müssen alle Eitelkeiten beiseitegelegt werden“, sagt sie – und meint damit nicht nur die anderen.
Dass Politik für sie keine kühle Verwaltungsaufgabe ist, wird schnell deutlich. Lisa ist eine, die sich reinwirft – „Kopf vorneweg“, wie sie sagt. Die auch mal nachts wachliegt, weil Haushaltsverhandlungen feststecken. Und die in einem Moment maximaler Frustration ein langes Video aufnimmt und veröffentlicht. „Kurzschlussreaktion“, nennt sie das im Rückblick. Bereut hat sie es nicht wirklich. „Politikern wird oft vorgeworfen, sie hätten kein Rückgrat. Ich bin halt so, wie ich bin.“ Diese Haltung zieht sich durch das Gespräch. Authentizität statt glattgebügelter Statements – auch wenn das Kritik einbringt. Ob beim umstrittenen Parkplatzthema oder bei zugespitzten Aussagen zur Zusammensetzung der Gemeindevertretung: Lisa bleibt unbequem. „Wie furchtbar wäre es, sich ständig zu verstellen?“, fragt sie – und beantwortet es gleich selbst: „Das würde ich nicht durchhalten.“ Doch die Offenheit hat ihren Preis. Die Debattenkultur, so beschreibt sie, sei rauer geworden, subtil aggressiver. Soziale Medien verstärken das. „Das macht mich krank“, sagt sie über Facebook-Kommentare – und hat Konsequenzen gezogen: weniger lesen, mehr Abstand. Ein Schutzmechanismus in einem Job, der ohnehin an die Substanz geht. Denn Bürgermeisterin zu sein, bedeutet für Lisa Gößwein mehr als politische Gestaltung. Es ist ein Spagat zwischen Amt und Alltag, zwischen öffentlicher Rolle und privatem Leben. „Wie oft geben wir uns zu Hause nur die Türklinke in die Hand“, erzählt sie über ihre Ehe. Auch ihre Kinder bekommen inzwischen mit, dass ihre Mutter polarisiert. Momente, die sie nachdenklich machen – und Grenzen markieren.
Trotz allem: Die Motivation ist ungebrochen. Verkehr, Kinderbetreuung, Katastrophenschutz – die Themenliste ist lang, die Konflikte ebenso. Doch Lisa bleibt bei ihrem Antrieb: „Ich sehe, dass Dinge angepackt werden müssen. Also mache ich das.“
Ob sie wieder antritt? Die Antwort bleibt vorsichtig. Ja, sie liebt den Job. Aber nicht um jeden Preis. Respekt, Gesundheit, Familie – das sind für sie die Bedingungen. Oder, wie sie es selbst sagt: „Ich klebe nicht mit Patex auf meinem Stuhl.“ Ein Satz, der hängen bleibt. Genau wie der Eindruck einer Bürgermeisterin, die nicht perfekt sein will – sondern echt.
Axel S.
Das komplette Interview mit Lisa Gößwein gibts überall, wo es Podcasts gibt: @druckreif
Viel Spaß beim Hören!
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Do, 18.06.2026 | Anzeigenschluss » Fr, 12.06. (16 Uhr) | Redaktionsschluss » Mo, 15.06. (16 Uhr)
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