Vor etwa 7 Wochen: Sigi Nachtmann steht mit seinem Edel-Saxophon auf der Empore seiner Heimat-Kirche St. Marien und begleitet musikalisch den fastnachtlichen Kinder- und Jugend-Gottesdienst. Von dieser Aufgabe ist er begeistert und bedankt sich am Ende im vollbesetzten Gotteshaus, dass es ihm und „seiner Gesundheit gut ginge und er voller Freude sei“. Applaus. Jetzt ist er am 18. März mit 86 Jahren im Kreis seiner Familie an den Folgen einer ernsten Erkrankung gestorben.
„Pop, Rock und Jazz, aus alter und neuer Zeit“, das war die Devise seiner von ihm 1978 selbst gegründeten, über die regionalen Grenzen hinaus bekannte Band: „Sigis JAZZ Men“. Vier Jahr später (1982) hob Sigi Nachtmann noch die Jazz-Band „Big Band 82“ aus der Taufe: Bekannte Musiker, wie Paul Kuhn, Bill Ramsey, Ack van Rooyen und Peter Petrel traten zusammen mit der Big Band auf.
Bereits ab dem 7. Lebensjahr begann der später begnadete Musiker mit seiner Blockflöte zu üben und 3 Jahre später mit der Klarinette, dann Tenor- und Bariton-Saxophon. Stolz war Sigi Nachtmann, wenn er die beiden Spitzen-Trompeter der HR Big Band Paul Lanzerath und Martin Auer für seine Auftritte gewinnen konnte. Oft füllte er aus eigener Kasse die Gagen seiner Musiker auf, denn es ging ihm um die Sache: Musik war für ihn eine Projektions- und Begegnungsfläche mit Menschen.
Auch als Kommunalpolitiker machte sich Sigi Nachtmann einen Namen; zuerst bei der CDU und später als Gründungsmitglied der Freien Wähler Ginsheim-Gustavsburg. Viele Jahre war er Vorsitzender. „Dieses Wirken hat nicht nur die Freien Wähler geprägt, sondern auch unser Gemeinwesen in Ginsheim-Gustavsburg.“ Gute Erinnerungen prägen Dankbarkeit.
Beim 3. Geburtstagsfest der Ginsheimer Schiffsmühle gibt Sigi Nachtmann spontan mit seinen Freunden Jupp Will (Posaune) und Oliver Saul (Akkordeon) 2014 ein Benefiz-Konzert. „Ich möchte meine Wertschätzung für das Projekt „Schiffsmühle“ und deren ehrenamtlichen Helfern zum Ausdruck bringen.“ Spontanität konnte ein Markenzeichen von Sigi Nachtmann sein; leidenschaftliche Begeisterung ebenso. In allem ein gelernter Motivator, der leider aber auch von anderen jene Begeisterung und jenes Engagement „einforderte“, wie er es selbst vorlebt. Das gelang nicht immer.
Das Rüsselsheimer Echo titulierte Sigi Nachtmann im Oktober 2022 einmal als politischen Einzelkämpfer. Vermutlich keine allzu schräge Diagnose, denn wie anders konnte es sein, dass er Jahrzehnte zuvor (zirka 2003) die völlig chemisch-verschlammte Schwarzbachmündung im Ginsheimer Alt-Rhein ausbaggern lies. Allein dieses Projekt schaffte ihm einen ungewöhnlichen Bekanntheitsgrad. Naturschutz war schon ein sehr frühes Anliegen von Sigi Nachtmann. Seine blühende Oase an der Gustavsburger Schleuse mit 11000 Quadratmeter „ohne Spritzmittel“ ebenso.
Sigi Nachtmann liebte vor allem auch seine musikalischen Heimspiele; auch im Ginsheimer Lichtspielhaus im Sommer vor 8 Jahren oder jene regelmäßigen Auftritte bei der Johannis-Nacht in Mainz. Er war Netzwerker und seine Frau Karin eigentlich noch mehr. „Auch hinter den Kulissen stecken fleißige Arbeiterinnen“, sagen die Profis. „Die legendären Isar-Floßfahrten, über viele Jahre hinweg vom Ehepaar Nachtmann organisiert, waren schneller ausgebucht als Konzerte in der Rheingoldhalle“, meinten andere Zeitzeugen in diesen Tagen. „Aus der Magdeburger Straße (sein Wohnort) kamen für uns immer Einladungen, auch für die Rheinschiffsfahrten“, meinte eine dankbare ältere Gustavsburgerin.
Unter der Anzeige geht der Artikel weiter
Sigi Nachtmann war auch sentimental: „Ich waas e klaa Häusje am Maa“. Und dann war auch sein großer Freund, der große Volksschauspieler Walter Renneisen nicht weit von ihm entfernt: Seelenverwandtschaft und Volkskultur: „Ein Mensch soll in seinem Leben einen Baum pflanzen.“ Sigi Nachtmann hat im sehr schmalen Grundstück „seines“ Bauschheimer Wäldchen gleich sechs Bäume gepflanzt, natürlich alle namentlich gekennzeichnet: für seine beiden Kinder, für die Schwiegertochter und seine drei Enkelbuben. Er mochte und schätzte die Verantwortung für die nächsten Generationen. So denken eben visionäre Menschen wie Sigi.
Unser Weg führt uns noch einmal zurück in die Ginsheimer Pfarrkirche. Dort war Sigi Nachtmann zu Hause, nicht nur für eine periodische Gemeindearbeit im Verwaltungsrat, sondern vielmehr auch mit seinen eigenen Glaubensüberzeugungen, die auch von den „Eltern mit den bayerischen Wurzeln“ geprägt waren. Dort, auf der Empore war sein Platz; direkt an der Orgel. Auch die kirchlichen Melodien waren ihm vertraut. Sein letztes Solo-Stück am 8. Februar war der Brucker-Lager-Marsch. Ein temperamentvolles, aber auch ein langes Stück, häufig bei Gardegottesdiensten gespielt. Für Sigi Nachtmann vielleicht auch eine unbewusste musikalische Vorbereitung für seinen letzten Weg. Womöglich sind seine Melodien und Töne vom 8. Februar ihm von dort aus bereits vorgeeilt. Wir wissen es nicht.
Dr. Peter A. Schult
Wegbegleiter und Freund
E-Mail eingeben und alle zwei Wochen das kostenlose E-Paper erhalten.
Do, 18.06.2026 | Anzeigenschluss » Fr, 12.06. (16 Uhr) | Redaktionsschluss » Mo, 15.06. (16 Uhr)
04.06.2026 | 18.06.2026 | 02.07.2026 | 06.08.2026 | 20.08.2026 | 03.09.2026 | 17.09.2026 | 01.10.2026 | 15.10.2026 | 29.10.2026 | 12.11.2026 | 26.11.2026 | 10.12.2026 | 24.12.2026