„Wir haben eigentlich mit nix gebaut. Und das verbindet fürs Leben“

Karin und Joachim Süßmann erinnern sich anlässlich ihrer Diamantenen Hochzeit

Er ist Ende des Krieges in Schlesien geboren, sie ein Nachkriegskind aus Darmstadt; gefunden haben sie sich in Rüsselsheim. Er war „Lehrbub“ und im Auftrag bei Maler Müller tätig, sie zur Ausbildung beim Vater, dem Friseurmeister, gegenüber. „Mit Blicken durch den Zaun“ kam es zur ersten Annäherung. Und eine Einladung zum Tanztee im Cafe am Opelbad festigte die zarte Bande. „Das war gut so“; denn kurz nach dem Kennenlernen musste er für 18 Monate zur Bundeswehr. Seit dem 23. Mai 1966 sind Karin und Joachim Süßmann verheiratet und feiern demnächst Diamantene Hochzeit.

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Auf dem Leiterwagen in den Westen

Aber einfach hatten sie es nicht; er wird mit zehn Monaten und allem „Hab und Gut“ von der Mutter auf einen Leiterwagen gepackt und kam mit der Bahn nach Bayern. Der Vater war Soldat der Wehrmacht und zwei Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Der Opa fand als Oberweichenwärter in Bischofsheim Arbeit. „Als Bub habe ich ihm das Essen ins Stellwerk am Alten Gerauer Weg gebracht“, erzählt Joachim Süßmann. Die Wohnung im Kappesgarten war 4 x 4 Meter groß, eine Glühbirne mit 40 Watt war die einzige Lichtquelle. Die Mutter war Schneiderin bei Adam Rau „in der alten Volksbank Ecke Bahnhofstraße/Taunusstraße“. Sie lebte 103 Jahre lang und war zuletzt bis zu ihrem Tod Bischofsheim älteste Einwohnerin.

 

Frisieren und Bauen als Beruf und Berufung

Karin Süßmann stammt aus einer „Friseur-Dynastie“; Schwester und Bruder lernten das Handwerk vom Vater. Sie arbeitete in den Salons bei Georg Pfeiffer in der Frankfurter Straße sowie Bruno Luch in der Mozartstraße. Über die berufliche Karriere ihres Ehemannes sagt sie voller Stolz: „Es gibt wohl kaum ein Gebäude im Ort, das er nicht kennt.“ Joachim Süßmann war bei Malermeister Haus Geselle, kannte sich mit „Innenausbau sowie Fassadenrenovierungen“ aus und beherrschte „Schablonenmustern sowie Stuckarbeiten“. Und dann listet er auf, wo er überall etwas geschaffen hat: in und an den beiden Kirchen, beim Bürgerhaus, am alten Rathaus, dem heutigen Museum, in den Gaststätten „Germania“ und „Krone“, beim Bau der Volksbank und dem Kindergarten im Klinker.

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Eigenheim als Eigenleistung

Ihr gemeinsames Werk ist ihr Eigenheim auf einem Grundstück Ecke Danziger/Königsberger Straße. „Wir haben eigentlich mit nix gebaut“, sagen sie unisono. Stockwerk für Stockwerk entstand dank eines Bausparvertrages „und mit Hilfe von italienischen Gastarbeitern“. Karin Süßmann kümmerte sich um Tochter Sonja, die heutige Friseurmeisterin, und Sohn Jens, dem heutigen Apotheker, und zudem um Obst und Gemüse im Garten. Der Einzug ins neue Haus war noch improvisiert, ohne Treppengeländer und mit dem Gartentor als Haustür. „Aber das verbindet fürs Leben“, sagen beide.

 

Geborgenheit in der Familie

Er zeigt mir am Ende unseres Gespräches noch Teller, Brettchen und eine Truhe, Ergebnisse seines Hobbys, der Bauernmalerei. Und sie berichtet noch von der Pflege alter Kundschaft; denn die Friseurin sei auch immer sowas wie eine „Seelsorgerin“, sie soll Zuhören, muss aber auch die Erwartung erfüllen, zu Krisen und Krankheiten Stellung zu beziehen. Und das gehe nur gut, wenn man sich selbst in der Familie geborgen fühlt. Beim Blick auf die Wohnzimmerwand sehe ich viele, viele Fotos von glücklichen Menschen, von fünf Enkeln, zwei Kindern und ihren Partnern, Eltern und Großeltern, aber eben auch vom Jubelpaar, dem ich herzlich zum Ehejubiläum gratuliere.

 

Professor Dr. Wolfgang Schneider


neuesausdermainspitze.de // 21.05.2026