„Nach der Nazi-Zeit galt es, Demokratie zu gestalten“

Anlässlich seines 90. Geburtstag blickt Manfred Vest zurück und nach vorn

Wenn er auf der Terrasse seines Anwesens erzählt, merkt man ihm die neun Jahrzehnte nicht an, die hinter ihm liegen. Hellwach erinnert er sich an Geschichten aus seiner Geschichte, die auch ein Stück Heimatkunde dokumentierten. Voller Stolz schaut Manfred Vest auf sein privates Leben („Sie sitzen hier auf altem Bischofsheimer Boden“), auf seine berufliche Karriere („Ich war einer von drei meines Jahrgangs, die studieren durften“) und sein ehrenamtliches Engagement („Nach der Nazi-Zeit fühlten wir uns aufgefordert, Demokratie zu gestalten“). 

Unter der Anzeige geht der Artikel weiter


Deportationstransporte und Gefangenenlager bleiben in Erinnerung

Am 14. Mai 1936 geboren, erlebt er zunächst neun Jahre des sogenannten „Tausendjährigen Reiches“ und hatte „Glück, aus Altersgründen nicht in die Hitler-Jugend zu müssen“. Vater Karl war nicht nur „Lieblingsschüler von Lehrer Georg Mangold“, sondern auch Mitglied der NSDAP, Seine Mutter, Eva Daum, und deren Vater Oberstellwerksmeister bei der Reichsbahn. Als junger Bub hat er diesen Am Alten Gerauer Weg besucht und dabei Kriegstransporte beobachtet, aber auch Güterwagen, in denen Menschen eingepfercht waren wie Vieh. „Das müssten doch viele im Ort gesehen haben!“, sagt er zurecht vorwurfsvoll. Auch das „Gefangenenlager am Schindberg“, die Zwangsarbeit zu verrichten hatten, konnte er beobachten. 

 

Den Zusammenbruch der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erfährt er am 13. Januar 1945 am eigenen Leib im Keller der Wilhelmstraße 1 beim Bombenangriff der Alliierten. Und er bekennt sich mehrfach dazu, dass es gelte, die Zeichen der Zeit auch politisch zu deuten. „Ich bin ein Gegner von rechtsradikalen Entwicklungen!“ Was auch damit zu tun hat, dass er als Diplom-Volkswirt bei „Glanzstoff“ in Kelsterbach und weiteren Unternehmen der Chemiebranche und des Maschinenbaus auch die Vorzüge der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft kennenlernte und internationale Beziehungen pflegte.

 

Trotz einer gewissen Weltläufigkeit blieb er bodenständig. In der Spelzengasse 37 wurde er heimisch, nachdem Christel Fischer ihn bei der Tanzstunde im Saalbau entdeckte. Er heiratete bei „Woll-Fischer“ ein, von 1932 bis 1990 das Bekleidungsgeschäft „für Damen und Herren“ sowie „Kurzwaren und Knöpfe“. Drei Söhne schenkten ihnen acht Enkel. Nach jahrelanger Pflege musste er vor ein paar Monaten von seiner geliebten Ehefrau Abschied nehmen. 

Unter der Anzeige geht der Artikel weiter

Vereinsmensch mit Vision

Manfred Vest hat Fußball gespielt bei der SV07, gekegelt „beim Kröcker“, engagierte sich als Vorsitzender des Stenografen-Vereins „Gabelsberger“ und gründete mit Fischhändler Heinrich Nothnagel und Malermeister Franz Bönder die „Freie Wählergemeinschaft Bischofsheim“ Von 1964 bis 1972 war er Mitglied der Gemeindevertretung, ist heute noch kommunalpolitisch interessiert und kann sich eine „Stadt Mainspitze“ nach wie vor vorstellen.

 

Zum Abschluss unseres Gespräches erzählt er noch von der Freundschaft seines Schwiegervaters und dessen Nachbarn, dem Schlosser Astheimer, zum damaligen Mitbürger, dem Juristen Dr. Friedrich Kahn. „Fritz konnte überleben“, weil die Freunde ihn vor seiner Flucht nach Holland drei Tage lang in ihrer Scheune versteckt haben. In einem Brief an diese in der Nachkriegszeit habe er ihnen gedankt und um ein Treffen gebeten; aber nicht im Ort der Täter, sondern auf der Autobahnraststätte Pfungstadt. Auch das habe ihn zutiefst beeindruckt. Aber immerhin verweisen Stolpersteine an das Leid der Familie Kahn in der Frankfurter Straße. 

Professor Dr. Wolfgang Schneider


neuesausdermainspitze.de // 04.06.2026