Es waren eigentlich nur drei Minuten. Drei Minuten, die bei der m³ – mehr als eine Messe in der IGS Mainspitze spontan überbrückt werden mussten. Ein kurzer Bühnenmoment zwischen Moderationen. Neben mir stand Nicole Sieben, Vorsitzende des Vereins Trauernde Eltern & Kinder Rhein-Main e. V.. Sie sollte kurz erzählen, wofür der Verein steht. Doch schon nach wenigen Sätzen war klar: Hinter dieser Geschichte steckt weit mehr als ein kurzer Veranstaltungshinweis.
Der Verein Trauernde Eltern & Kinder Rhein-Main e.V. bietet Unterstützung für betroffene Familien an. Informationen gibt es unter: www.eltern-kinder-trauer.de
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Nicole Sieben verlor 2014 ihren Sohn Lenny. Er war 13 Jahre alt, als er morgens mit dem Fahrrad zur Schule fuhr – und dort nie ankam. Ein Unfall. Ein Tag, der alles veränderte.
„Wenn du von der Polizei mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren wirst und nicht weißt, was dich dort erwartet, dann ist man in einem totalen Schock“, erzählt sie heute. Sie beschreibt das Gefühl wie einen bodenlosen Fall. „Als würde man plötzlich in ein Loch treten.“
Lenny überlebte den Unfall nicht. Eine Woche lag er im Koma. Die Familie – Nicole, ihr Mann und der jüngere Sohn Raphael – musste lernen, mit einem Verlust zu leben, auf den niemand vorbereitet ist.
„Es bleibt alles anders“, sagt Nicole Sieben. Ein Satz, der im Gespräch immer wieder hängen bleibt. Denn eine Anleitung zum Trauern gebe es nicht. Jeder Mensch gehe anders damit um, jede Familie finde ihren eigenen Weg.
Während ihr Mann zunächst funktionierte und sich um Organisatorisches kümmerte, zog sie sich zurück. 18 Monate konnte sie nicht arbeiten. Die Rückkehr in ihren früheren Beruf in einer Werbeagentur erschien ihr unmöglich. „Was vorher wichtig schien, war plötzlich nicht mehr wichtig.“
Hilfe fand die Familie damals beim Verein Trauernde Eltern & Kinder Rhein-Main e. V. – genau jenem Verein, dessen Vorsitz Nicole Sieben heute innehat. Eine Trauerbegleitung, die ihr selbst half, wieder Schritt für Schritt ins Leben zurückzufinden.
Heute begleitet der Verein Familien in genau solchen Situationen: Eltern, die ein Kind verloren haben, Geschwister, die mit Trauer aufwachsen, Menschen, die plötzlich vor einem Leben stehen, das nicht mehr das alte ist. Rund 120 bis 130 neue Betroffene kommen jedes Jahr allein aus der Region Rhein-Main hinzu.
Die Geschäftsstelle befindet sich in Mainz-Hechtsheim. Dort gibt es Einzelbegleitung, Gruppenangebote und Raum für Austausch – getragen von ausgebildeten Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleitern. Finanziert wird vieles über Spenden.
Was an Nicole Sieben beeindruckt: Sie spricht offen über ihren Schmerz, ohne dass Hoffnung verloren geht. Sie sagt nicht, dass Trauer vergeht. Im Gegenteil. „Trauer verschwindet nicht. Sie verändert sich“, sagt sie. Lenny sei bis heute da – morgens ihr erster Gedanke, abends ihr letzter.
Und trotzdem hat sie einen Weg gefunden, weiterzugehen.
Vielleicht liegt genau darin die Kraft ihrer Geschichte: nicht in der Vorstellung, irgendwann „fertig“ mit Trauer zu sein, sondern darin, einen Platz für sie im Leben zu finden.
Bei der Messe in der Mainspitze war Nicole Sieben mit einem Informationsstand vertreten. Zwischen Vereinen, Unternehmen und Ehrenamt wirkte das Thema Tod zunächst wie ein schweres. Doch vielleicht gehört genau das dazu: auch über die schwierigen Seiten des Lebens zu sprechen.
Denn eines sagt Nicole Sieben sehr klar: „Nicht weggehen. Dableiben. Auch wenn man nicht weiß, was man sagen soll.“
Axel S.
Das komplette Interview mit Nicole Sieben gibt‘s überall, wo‘s Podcasts gibt: @druckreif
Viel Spaß beim Hören!
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