„Schön war die Zeit!“

Zu Beginn ihres 99. Lebensjahres blickt Else Jost gerne zurück

Als ich sie jüngst besuchen durfte, zeigte sie mir ein Album mit den Nachbarn, die als Gratulanten zu ihrem 95. Geburtstag zusammenkamen. Am 12. Dezember beginnt Else Jost ihr 99. Lebensjahr, gesund und munter, legt wie eh und je Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Seit einem Sturz mit Bruch Zuhause, „residiert“ sie im Seniorenzentrum mit Blick auf die Agora „und kann die beobachten, die zum Arzt gehen“, scherzt ihre Tochter Monika (verheiratete Groß), die mich freundlicherweise begleitet. Sohn Bernd hatte vorher aus Jesteburg angerufen. Fotos ihrer Schwester Annegret sowie der Enkel und Urenkel drapieren die Wände. 

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Sütterlin auf der Schiefertafel

1927 wurde Dorothea Elisabeth Treber in der Gutenbergstraße „bei Dornbachs über der Backstubb“ (Ecke Fronseestraße) als Tochter des Lokführers Hans und der Hausfrau Anna geboren. „Wir hatten nur ein Plumpsklo im Hof“ und einmal die Woche ging’s ins Gemeindebad. „Hinterm Fahrrad-Becker“ (in der Schulstraße) besuchte sie den Kindergarten und genoss in der Gutenbergschule den Unterricht bei „Fräulein“ Dietz und Lehrer Weinsheimer. Der Schulranzen war aus echtem Leder, darin die „Fibel“ und der „Katechismus“. Die Schiefertafel diente mit dem Griffel dem Erlernen der „Sütterlin“-Schrift, eine, so weiß es der Duden, 1911 im Auftrag des preußischen Kulturministeriums von Ludwig Sütterlin entwickelte Ausgangsschrift für Schreibanfänger.

 

Gelernt bei der MAN, verheiratet in der Mansarde

Zwei Jahre machte sie eine Lehre bei der MAN (ehemals Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg) in Gustavsburg. Und war dort dann auch Bürogehilfin, „bis ich 1948 geheiratet habe“. Der glückliche Gatte war der fünf Jahre ältere Wilhelm Jost, Marinesoldat im Zweiten Weltkrieg und nach der Gefangenschaft bei Opel beschäftigt. Kennengelernt haben sie sich im „Rheinischen Hof“ (Ecke von Rhein- und Mainstraße). In der Mansarde der „Villa Horst“ (Ecke Ludwig- und Wilhelmstraße) fanden sie ihre erste Bleibe, „ohne Wasseranschluss, aber mit Kohleofen“. Nach vielen Umzügen kehrte sie mit ihrem Mann wieder in die Gutenbergstraße in ein eigenes Haus zurück. 

 

Heißmangel und Hemdenpresse

Hinter dem Haus baute sich Else Jost „eine eigene Existenz auf“: „Links im Stall die Waschmaschinen und rechts im Anbau die Heißmangel“. Gelernt hatte sie das in der „Wäscherei Weisel“ (Ecke Main- und Bismarckstraße), die Nachfrage groß. „Zwei Frauen mussten die Bettwäsche einziehen, eine sie herausholen.“  Es gab eine Hemden- und Kittelpresse; zwischen „feucht, getrocknet und gebügelt“ konnten sich die Kunden entscheiden, darunter auch die Arbeitskleidung der „Rheinbau“ und die Trikots der SV07. Nach Zeitaufwand und Gewicht wurde berechnet. „Mein Willi organisierte den Hol- und Bringdienst“, sagt sie mit Stolz; denn manchmal verdiente sie mehr als er.

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Turnen und Kegeln, Reisen und Reimen

Und dann erzählt sie von der „freien Zeit“: vom Turnen im Turnverein, vom Kegelclub „Hätt‘ mehr verdient“ beim „Schade Wilhelm“, von den Jahrgangsfeiern im „Kröcker“, von den Urlauben mit dem eigenen Segelboot auf dem Altrhein oder in der Adria. „Schön war die Zeit“, auch bei den Reisen der Volksbank nach Namibia, Ägypten oder Indien. Bis vor kurzem traf man Else Jost jeden Samstag am „Rhön-Wagen“, der vor ihrem Haus Halt machte und immer einen Plausch ermöglichte. Wie reimte sie selbst beim „Lyrik-Wettbewerb“ des „Kunstwürfels“: 

„Bischofsheim ist zwar nicht der schönste Ort der Welt,

aber jeder kann hier so leben, wie es ihm gefällt.“

Professor Dr. Wolfgang Schneider


neuesausdermainspitze.de // 04.12.2025