Früher gab es hier frisch gedruckte Fahrausweise, auf bräunlichem Karton. Am Schalter der „Deutschen Bundesbahn“ waren nicht nur „Billetts“ nach Mainz oder Frankfurt gegen Bargeld über einen Drehteller erhältlich. Und durch eine Glasscheibe am Schalter mit einem ovalen Fenster eine weltweite Besonderheit im Eisenbahnverkehr: Bahnsteigkarten. Fahrkarten für den RMV gibt es aber auch heute noch, trotz Automation und Digitalisierung. Seit mehr als zwanzig Jahren betreiben Ali Nail und Özlem Yap den Kiosk gleich am Eingang rechts im Bischofsheimer Bahnhof.
„Gastarbeiter“-Kinder und Enkel mit Abitur
Ali („Baujahr 1976“) stammt aus dem türkischen Dersim („die Stadt nach der hier auch ein Fußballverein benannt wurde“) und kam mit drei Monaten mit seiner Mutter nach Deutschland, wo der Vater bei Opel als „Gastarbeiter“ Geld verdiente. In der Stadtbücherei wurde er zum „Bibliotheksassistenten“ ausgebildet und lernte auf einer Hochzeitsfeier seine gleichaltrige Frau kennen. „Das war ein glücklicher Zufall“, sagt Özlem, die in Rüsselsheim geboren wurde und als Einzelhandelskauffrau bei der Post arbeitete. Seit 2013 wohnt die Familie in der Eisenbahnergemeinde, mit Tochter Helin, die Medienwissenschaft studiert, und Sohn Onur, der als Bankkaufmann arbeitet.
Die Yaps sind kurdische Aleviten und bei den „Sportfreunden“ engagiert, er als 2. Vorsitzender und derzeit Trainer, sie verkauft bei Heimspielen Würstchen und Getränke. „Wir sind hier zu Hause.“ Und hatten in ihrer Jugend keine „Migrationsprobleme“. Aber für manche Menschen sind sie immer noch Ausländer. Ihre Erkenntnis aus den letzten Jahren: „Früher war mehr Zusammenhalt!“ Mit der „Flüchtlingswelle“ nach 2015 habe es noch eine „Willkommenskultur“ gegeben, „jetzt redet die AfD von Remigration“, sagt Ali. Und Bundeskanzler Merz habe das mit dem Hinweis auf sein „Stadtbild“ eher noch verschärft, ergänzt Özlem und reagiert betroffen: „Das heißt doch: Du gehörst dazu, und du aber nicht!“ Dabei seien sie von „99% der Kunden“ anerkannt, pflegen freundlichen Umgang mit Menschen aus vielerlei Ländern in ihrer „kleinen Welt“.
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Service mit Vertrauen gehört mit zum „Stadtbild“
Der „Kiosk Yap“ ist in der Tat ein multikultureller Treffpunkt. Hier darf man sich über die Unpünktlichkeit der Bahn beschweren, Auto- und Hausschlüssel zum Abholen hinterlegen sowie Ausweise der Gemeinde für Park&Ride kaufen. „Service mit Vertrauen“ lautet das Motto der beiden Pächter; denn bei der großen „Laufkundschaft“ (oft auch im wahrsten Sinne des Wortes) ist der Verkaufsraum auch so etwas wie eine Sozialstation. Von 4.30 bis 20.00 Uhr öffnet sich täglich außer sonntags die automatische Schiebetür. Und es wird nicht nur ein buntes Warenangebot käuflich erworben, sondern auch mal geplauscht, ein schneller Kaffee oder ein kühles Bier im Stehen konsumiert.
„Leider heute kein Gewinn“, sagt Özlem mindestens fünfmal im Laufe unseres Gespräches, mit Betonung auf „heute“. Denn etwa jeder dritte Kunde spiele Lotto. „Und meist wird dann auch noch mehr eingekauft.“ Beispielsweise Zigaretten und Tabak, Kaugummi und Süßigkeiten, Spirituosen und alkoholfreie Getränke. Aber auch Zeitungen und Zeitschriften, die Frauen bevorzugen Illustrierten, die Männer Sportmagazine. Derweil erhalten noch zwei Damen die Empfehlung, eine Kleingruppenfahrkarte zu erwerben: „Die ist billiger! Sie müssen aber dann auch zusammen zurückfahren!“ Und alle im Kiosk schmunzeln …
Professor Dr. Wolfgang Schneider
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